Jul 2015 | Adam Zagajewski

Adam Zagajewski, Unsichtbare Hand.

Die Kindheit ist die Zeit der Kunst, die Kunst ist die Zeit der Kindheit. Vielleicht sind die größten Künstler die niemals Erwachsenen, die zeitlosen Kindsköpfe im Geiste, verschrieben nur der fortwährenden Träumerei, jene, die aus all der weltlichen Sperrigkeit den Zauber hervorkitzeln. Nicht in der Kindheit sich Verschanzende sind die Dichter, wie der Anführer der verlorenen Bubenbande Nimmerlands, Peter Pan, oder das Oskarchen, dieser Aufwachsverweigerer, der kleine Herr Matzerath. Nein, sie sind verschmitzte Wunderer, die Dichter, deren Imagination der Erde die Fesseln löst – Wordsworth, Shelley, Keats –, deren Blick auf die unwichtigen Weltwinzigkeiten nichts Gleichgültiges oder Müdes hat – Samuel Beckett, Claude Simon, Emmanuel Bove –, und die inmitten der Lebensmisere nicht zur Miserere ansetzen, sondern zum verschmitzten Spötteln, zum Lachen und zum Feiern inmitten der verstümmelten Welt. Ein Kind das morgen sterben muss, hört heute noch nicht auf zu lachen. „Wem es gelingt, auf dem Sterbebett, eine Komödie oder ein reines Lustspiel zu schreiben,“ meinte Thomas Bernhard einmal, „dem ist alles gelungen.“

Die Dichter sind die kreierenden Kinder einer immer schon erwachsenen Welt, und wird ein Dichter älter, scheint es zuweilen so, als würde der Drang zurück an den Anfang nur noch größer, als wäre die vergangene Lebenszeit ein Gummiband, das sich Jahr um Jahr nur strammer zog und nun jeden Moment zurückschnellt in die Zeit, da die Zeit noch nicht verging.

Adam Zagajewski ist siebzig, doch seinen Zeilen liest man ihr Alter nicht ab. Zagajewski ist nur immer mehr und mehr Kind geworden, und seine Gedichte erforschen, „warum alte Menschen Kinder sind / und in Kindern alte Körper wohnen.“ In seinen Gedichten der letzten zehn Jahre ist es die Erinnerung, die sich mehr und mehr aufdrängt, und nach der seine Gedichte sich mehr und mehr auf die Suche machen. Die von Renate Schmidgall glänzend übertragene Auswahl Unsichtbare Hand schweift durch drei Gedichtbände Zagajewskizauber: Rückkehr (2003), Antennen (2005) und Unsichtbare Hand (2009). Und schweifend ist immer der Blick aus der Gegenwart in die Vergangenheit, während Zagajewskis Sprecher sich auf Reisen in Zügen und auf Flügen befinden und ins Erinnern kommen.

Sind die Gedichte aus Rückkehr direkt motiviert durch Zagajewskis Heimkehr nach Polen, folgend auf ein drei Jahrzehnte währendes Exil in Frankreich, so sind jene der weiteren Bände durchzogen mit einer nicht abreißenden Bewegung nach dem Kindlichen, nach Erinnerungen an Kinderszenen und an lang vergangene Eindrücke, die nicht vergehen, eben weil sie vergangen sind. Was vergangen ist, so scheint es, bricht nur noch viel intensiver in die Gegenwart ein, so wie es in „Selbstporträt“ am Ende der Gedichtauswahl heißt: „das Gesicht des Vaters bricht ein in seines“.

Häufig ist es der Vater, der den Sprechern der Gedichte unwillkürlich, wenn auch willkommen, ins Gedächtnis bricht, gleich einem Gast, den man nicht erwartete, für den man aber gerne sofort alles stehen lassen möchte. „Ich frage den Vater: Was machst du den ganzen Tag? / Ich erinnere mich.“ Vielleicht haben seine Sprecher – vielleicht hat Zagajewski sogar – vom Vater die Gabe des Erinnerns und sehen im Erinnern eine Freude, eine Feier, natürlich Schmerz, aber auch eine edle Pflicht. Der Vater, die Schläge der deutschen Bomben von ’39 noch im Ohr, empfindet die Erinnerung an die Ausbreitung des nationalsozialistischen Leviathans nach Polen als einen tiefen, nicht abklingenden Schmerz. Der Sohn nimmt diesen Schmerz wahr, doch er konserviert in seinem Gedicht nicht nur das Trauma der Vergangenheit, sondern mischt eine Reihe weiterer Dimensionen unter dieses Erinnern, unter diese Bewegung, „das schmerzliche 20. Jahrhundert aufzuerwecken“: das Aufhalten eines Moments im Absterben durch die Zeit, indem mit den Erinnerungen des Vaters auch der Vater selbst auferweckt bleibt; und die durchs Erinnern hervorgerufene kindliche, erquickende Verzauberung über etwas so Simples wie ein „Jesuitengarten in Lemberg, der wie früher leuchtet / im grünen Licht der Ahorne“. Dem Vater, der ganz bewusst abtaucht, in die Erinnerung, sind Zagajewskis Sprecher gleich, wenn sie auf die Suche gehen nach der Vergangenheit, sich erinnern an die kleinsten Einzelheiten – „Sommerabende: Festival der Mauersegler“, „Papierwarenladen – Geruch der Kindheit“ – als müsse alles Vergangene bloß aus der Vergangenheit abgeholt werden: „denn das, was es nicht mehr gibt, rechnet die Entfernung weder in Kilometern noch Lichtjahren / sondern wartet in Ruhe auf deine Rückkehr, neugierig, wer du geworden bist.“

Bei all der schönsten Kindlichkeit sind Zagajewskis Sprecher aber nicht blind für das Versterben der Zeit, „das systematische Sterben“,

                                   wie in uns die Zeit
arbeitet, die Zeit, eingenäht in Kleidung und Lumpen
und in die langsam weich werdenden Gesichtszüge.

Doch weil das Vergangene entfernt ist, entrückt und unvollendet, sind seine Sprecher gezwungen, mit Hilfe der tastenden Suchbewegung der Poesie, das Vergangene in eine Form einzufüllen, die es betrachtbar und erlebbar machen kann.

Der kindliche und der in die Kindheit gerichtete Suchblick steht bei Zagajewski verbunden mit einem reiferen, ruhigeren Nachdenken über das Ich, und weil das Ich ein Dichter ist, auch über die Dichtung selbst. Dichtung, die über sich selbst reflektiert, ist wie ein Mensch, der sich an seine Kindheit erinnert – undenkbar ohne Reife; immer geprägt von Suche, von Nostalgie, von stiller Nachdenklichkeit und dem Bewusstsein des Vergangenen, dem Bewusstsein über die Schwierigkeit, es zurückzuholen.

Wie schwierig ist der Versuch des Schreibens, egal,
ob zu Hause, im Flugzeug, über dem Ozean,
über dem schwarzen Wald, am stillen Abend.
Immer wieder von vorne anfangen, erwachen
zum hohen Lauf und nach einer Viertelstunde
resignieren, sich geschlagen geben.

Erinnern und Schreiben verlaufen parallel in der Art und Weise, wie sie nicht an ein Ende kommen wollen oder können, weil es den einen Blick auf die Dinge nicht gibt. In der Wieder-Holung eines verblühten Moments – im Erinnern, im Schreiben – verändere ich das Wiederholte und erinnere mich künftig gestaffelt und überlagert an das, was ich zurückgeholt und an den Moment, aus dem ich mein Zurückholen ausprobiert habe. Die Vergangenheit wird kräftiger, je oft man glaubt, an ihrem Erinnern zu scheitern, und sie wird poetischer, je öfter man an ihr scheitert. Die Zukunft hingegen hat nichts Poetisches. Poesie ist immer schon das Vergangene, das Vergehende und ist deshalb eine Suche, „die Suche nach Glanz“. In diesem Sinne ist schon das Zurückerinnern an sich reinste Poesie, und immer auch ein anrührender Anruf an die Kunst.

In einem Gedicht über die englische Altistin Kathleen Ferrier, die wie keine andere Schuberts „An die Kunst“ bis heute aus ihrem Knacken und Knistern der Platte zu uns hinsingt, in diesem Gedicht wird die absolute Zentralität der Kunst in der Welt am klarsten intoniert. Zwar heißt es über die jung verstorbene Ferrier: „Es ist nur eine Stimme“, aber „doch spricht aus ihr / die reinste Musik.“ Nur eine Stimme, aber nur diese Stimme greift nach etwas Höherem, nach etwas beinahe Transzendentem, etwas annähernd Numinosem inmitten des Weltlichen: „Während du sie hörst, / denkst du, hier offenbart sich / die Möglichkeit eines besseren Menschen“. Für einen epiphanischen, kurzen, aufglänzenden Moment blitzt dieser Gesang über und an die Kunst auf, und dann von neuem die Stille:

           als die Platte zu Ende geht,
kehrst du zu deinem Argwohn zurück –
als hätte der Gesang zuviel versprochen,
mehr als die Müdigkeit, mehr als die Stille.

Die Kunst, die Poesie, die eine Suche nach Glanz ist, deren Erfüllung durch Schreiben unmöglich ist, muss wiederholt möglich gemacht werden, weil die Welt nicht halten kann, was sie verspricht. Und weil die Welt erst recht nicht halten, was die Kunst verspricht, braucht sie die Kunst, Kunst, Kunst. Die Zeit der Kunst ist immer, ihre Zeit ist immer jung, sie ist immer ein Kind.

JAN WILM

Adam Zagajewski, Unsichtbare Hand, München: Carl Hanser Verlag, 2012, 128 S., fester Einband, 14,90 €. Bestellen.