Nebensprechen | Wilco

Wilco.
Everlasting Everything.

Everything alive must die
Every building built to the sky will fall
But don’t try to tell me my
Everlasting love is a lie

Everlasting everything
Oh nothing could mean anything at all

Every wave that hits the shore
Every book that I adore
Gone like a circus, gone like a troubadour
Everlasting love forever more

Everlasting everything
Oh nothing could mean anything at all

Oh I know this might sound sad
But everything goes, both the good and the bad
So it all adds up, and you should be glad
Everlasting love is all you had

Everlasting everything
Nothing could mean anything at all

Everlasting everything
Nothing could mean anything at all

Vielleicht bedeutet Alles nichts, aber das bedeutet doch noch lange nicht, dass nicht alles irgendetwas bedeutet. Und weil alles Lebende sterbend muss, bedeutet das doch nicht, dass alles Lebende schon heute in dem Bedeutungsnichts des Todes eingesargt ist. John Updike meinte einmal, „alle Dinge unter dem Himmel gehen zu Ende, und wenn zeitliche Begrenztheit einer Sache ihren Wert nähme, dann könnte nichts im Leben wirklich gelingen.“

In dem Song „Everlasting Everything“ der amerikanischen Band Wilco um Singer und Songwriter Jeff Tweedy wird die Konfrontation zwischen jenem Gefühl der kühnsten Unsterblichkeit, der Liebe, mit der totalen Gewissheit des Todes aller Dinge orchestriert, und all das in einer simpel anmutenden Strophe-Refrain-Strophe-Struktur und mit einfachsten Reimen, die in deutscher Übersetzung vielleicht nach Wilhelm Busch klingen würden. Weil aber Songtexte selten übersetzt werden und Jeff Tweedy zum Glück nicht auf Deutsch singt, hört man in seinen Zeilen eine nach Tennyson klingende Elegie in den fast durchgängig gehaltenen Monoreimen der Strophen, wenn seine Lyrics ihren zunächst ernüchternd anmutenden Schluss ziehen: „Oh nothing could mean anything at all.“ Das kommt anfangs ernüchternd nihilistisch daher: Nichts könnte jemals irgendetwas bedeuten. Aber Tweedys Satz nur leicht in der Perspektive verschoben, meint natürlich auch: Nichts könnte alles bedeuten. Weil das Nichts eben nichts ist, ist das Nichts wie eine Interpretationsschachtel, in die sich alles hineinlegen lässt. Und plötzlich ist nichts mehr bedeutungslos, nicht das Nichts und auch nicht die Liebe.

Auf Tweedys erste Strophe der Feststellung, dass alles Lebende sterben muss, jedes Gebäude fallen wird und die noch fragende Hoffnung, dass vielleicht auch die Liebe bedeutungsleer sei, folgt eine zweite Strophe: „Every wave that hits the shore / Every book that I adore / Gone like a circus, gone like a troubadour / Everlasting love forever more.“ Der Rhythmus der ersten beiden Zeilen ist gleichmäßig wogend wie die Wellen, die ans Ufer schlagen und wieder entsaugt werden, wie das gemächliche Umblättern der Seiten eines geliebten Buches, das zu Ende geht und vergessen wird. Alles verschwindet. Wo der bunte Zirkus-Wirbel war, bleibt ein unbelebtes Feld zurück, wie am Ende von Chaplins Film. Der Troubadour, der Sänger, auch er wird weiterziehen, und seine Lieder nimmt er mit. Was bleibt, ist also Stille? Au contraire! Wenn schon, dann richtig: Wenn alles geht, muss auch die Stille mit.

Was bleibt, ist nicht die Stille, nicht die Leere, sondern die Liebe, die ewige Liebe, für immer. Für immer bleibt sie, weil sie in sich das Gefühl von Zeitlosigkeit trägt, und da macht es keinen Unterschied, ob diese Wahrheit, wie alles, einmal an ihr Ende gelangt: „But don’t try to tell me my / Everlasting love is a lie.“ Erst wo Leere ist, ist Platz für Liebe. Drei Mal ist in diesem Song des Albums „Wilco (The Album)“ von 2009 die Rede von „everlasting love“, einmal pro Strophe. Wird in den ersten Versen eine Vorstellung der Liebe als Lüge verneint und die Liebe damit bejaht, wird diese Bejahung in der zweiten Strophe noch potenziert, denn da ist sie schon ewig („everlasting“) und für immer („forever more“). In der letzten Strophe schließlich wird aus irgendeiner Zukunft auf diese Liebe für immer und ewig zurückgeschaut, weil sogar die Ewigkeit ihr Ende hat (Roland Barthes: „Alles vergeht: auch die Gräber sterben“): „So it all adds up, and you should be glad / Everlasting love is all you had.“ Du solltest glücklich sein, dass die ewige Liebe alles ist, was Du hattest. Die komplexesten Phänomene sind vielleicht nur paradoxisch greifbar.

Das paradoxe Auf-und-Ab der Bejahung und Verneinung der Liebe ist die Schaukelbewegung des Zweifelns, die jeder Liebende kennt, das Flimmern zwischen Hoffen und Verfluchen, das manche zum Blütenzupfen bringt und andere zum Singen. In dieser Spannung, so scheint Wilcos Song zu sagen, findet alles Leben statt, zwischen Nichts und Alles, was im wiederholten Clash zwischen „everything“ und „nothing“ des Refrains direkt aufgespielt wird. Die Instrumentierung des Songs nimmt das auf, wenn die ruhige, etwas zittrige Akustikgitarre mit einem kurzen Schwall aus Hammondorgel und Streichern und Drummrolls aufgebläht wird, wenn Tweedys sanft belegte Stimme ihr „everlasting everything“ wie ein Faktum durch das Nichts schlägt, um danach klagend die Stille zu füllen: Dass Alles nichts sein könnte, dass Nichts alles sein kann.

Wenn die Stimme des Troubadouren Jeff Tweedy zum Schweigen gekommen ist, setzt eine E-Gitarre ein, die rückwärts zu laufen scheint und einen flüssigen Sound hat, wie das Wasser, das sich vom Ufer aller Strände zurückzieht. Und die Stille darauf gilt dir, lieber Zuhörer, liebe Zuhörerin. Du solltest glücklich sein, dass die ewige Liebe alles ist, was Du hattest. Die ewige Liebe ist zwar nichts, aber gerade deshalb kannst du sie mit allem füllen. Und weil alles nichts ist, kann alles wie eine ewige Liebe sein.

So ist jeder Mensch ein Liebender, weil Überleben nichts anderes heißt als am Leben zu hängen, als liebe man, mit allem Zweifeln und Hoffen und Verfluchen. Und weil jeder Augenblick sterblich ist, ist jeder Augenblick besonders, wie das Nichts, das vielleicht Alles ist. Einen Fadeout gibt es nicht. Und jetzt sag nicht, dass deine ewige Liebe eine Lüge ist.

JAN WILM

AAAWILCO

WilcoWilco (The Album), Nonesuch, 2009.