Vier | Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung.

Man weiß von Heraklit nur einzelne Zitate; eines lautet: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.“ Was diese Gegensatzpaare teilen, ist die Hoffnung, die sich, ausgehend vom Vater aller Dinge, dem Krieg, in sie eingebrannt hat, die Hoffnung um das Fortbestehen des Krieges und die Hoffnung um das Ende des Krieges. Die Hoffnung ist, was sie eint und was sie ebnet und was sie eint und was sie ebnet, ist der Krieg.

Durch dieses Schlüsselloch erscheint eine Aussage Ilse Aichingers aus dem Jahr 1996 über ihren erstmals 1948 veröffentlichten Roman Die größere Hoffnung in einem klärenden Licht:

Der Krieg war meine glücklichste Zeit. Der Krieg war hilfreich für mich. Was ich da mitangesehen habe, war für mich das Wichtigste im Leben. Die Kriegszeit war voller Hoffnung. Man wußte sehr genau, wo Freunde sind und wo nicht, was man in Wien heute nicht mehr weiß. Der Krieg hat die Dinge geklärt.

Die Kriegszeit ist voller Hoffnung, weil sie es sein muss, weil sie keinen Ausweg lässt außer Hoffnung. Die Hoffnung ist der Leitstern für die elfjährige Ellen durch die Kriegszeit, durch die Hitlerzeit. Die Hoffnung ist Hoffnung auf Flucht, auf Flucht aus Europa. „Aber es half nichts mehr. Die Dunkelheit war in die Häfen von Europa eingelaufen“, heißt es gleich zu Beginn des Romans. Die Luft ist schon durchwölkt mit dem Staub des Verfalls, den die Bomben bringen, mit dem Geruch des Todes, die Städte sind schon Zonen der Entgrenzung geworden, überall lauert die Verfolgung und mit ihr die Hoffnung auf Leben. Und überall sind Kinder.

Kinder, mit denen irgend etwas nicht in Ordnung war. […] Kinder mit langen Mänteln und ganz kleinen Rucksäcken, Kinder, die fliehen mußten. Keines von ihnen hatte die Erlaubnis zu bleiben und keines von ihnen hatte die Erlaubnis zu gehen.

Und ganz kleinen Rucksäcken – das ist das Detail, das direkt ins Herz geht, als hätten sie ihre Unschuld im Morgengrauen zusammenpacken müssen und in diese ganz kleinen Rucksäcke packen müssen, die Kinder. Und bereits in dieser frühen Passage nutzt Aichinger das Stilmittel der Konfrontation von Gegensätzen, das auch Heraklits Zitat über den Krieg-Vater animiert, indem ihre Erzählerin paradoxal den Kindern gleichzeitig die Erlaubnis entzieht, zu bleiben und zu gehen. In den Spalten zwischen den Paradoxen liegt Ellens Leben, in das sie in Europa eingesperrt lebt, während ihre Mutter schon nach Amerika, nach der Freiheit, ausgewandert ist. Sie wartet und hofft auf ein Visum, sie wird weiter hoffen und warten, das Warten in Hoffnung wird zu einem Großmotiv des Romans, das erzwungene Warten aufs Ende des Krieges, das erzwungene Warten aufs Ende der Kindheit, die längst im Rückspiegel der Zeit zu verschwinden scheint. Ellen hofft und träumt und der Roman wird von Ellens Träumen infiziert und kleidet sich in Traumanzügen, hüllt sich in symbolische und parabolische Kleinerzählungen, verkleidet sich in gleichsam traumhafte wie alptraumhafte Bilder. Aber während im Krieg, den man durchwarten muss, das Träumen und das Hoffen die letzten Auswege sind, hat man keine Erlaubnis zum Hoffen, keine Erlaubnis zum Träumen: „Träume deine Träume später zu Ende!“ Und doch! Das Träumen und das Hoffen sind, was Ellen geblieben ist – und das Spielen. Das Spielen wird die Grundhaltung von Ellens Leben bleiben in diesem Roman, der, abgesehen von pointiert gesetzten Ausnahmen zum Ende des Buches, durchgängig aus Ellens Kindsperspektive erzählt ist. Das Spiel ist zunächst ein stoisches Durchhalten, die natürliche Haltung der Kinder, die Schatten des Krieges mit Farbe zu füllen. Ellen findet zu einer Gruppe jüdischer Kinder, die aus den Spielorten der Stadt verbannt worden sind und einzig den Friedhof als Spielplatz für sich hat. Schließlich wird das Spiel zu einer Trauerarbeit für eine Kindheit, die verstorben ist. Und sehr elegant wird das Spiel im Lauf des Romans langsam immer weniger eine ausgeführte Handlung und immer mehr zu einem Motiv, das Aichingers ungeheurer Stil metaphorisch in andere Orte verlagert, bis es zum Ende des Romans heißt:

Auf dem Spielplatz in der Sandkiste lagen drei Tote. Sie lagen dort kreuz und quer, als hätten sie zu lange gespielt und den ruf der Mutter überhört. Nun waren sie eingeschlafen, ohne das Licht auf der andern Seite ihres Tunnels zu sehen.

Aufgespannt zwischen Spiegeln scheint Aichingers Roman: Ist zunächst das Spiel ein ungebetener Gast auf dem Friedhof, ist zuletzt der Tod nichts als ein trüber Gast auf dem Spielplatz. Vielleicht ist auch der Tod müde vom Töten, überdrüssig dem Krieg und sucht letztlich einen Ruheort im Raum des Spiels.

Dieser Raum des Spiels findet sich auch gefasst zwischen den Buchdeckeln dieses Romans, der durchweg verspielt scheint durch herrliche Wendungen („Aber kann das Wort den Mund vergessen, der es gesprochen hat?“), kreiselnde Sprachspielchen („entsicherte Sicherheit“) und unvergleichliche Vergleiche („und tatsächlich war Tante Sonja verschwunden wie eine glänzende Münze in einem rostigen Kanalgitter“).

Wie die Hoffnung und das Träumen, ist auch das Spiel eine Reaktion, die Reaktion des Kindes auf eine feindliche Umgebung, die spezifisch der Krieg ist, allgemeiner aber die Welt. Wie die Hoffnung und das Träumen und das Spiel, ist auch das Schreiben eine Reaktion, der Roman der schönste Reflex auf die chaotischen Wunden des Lebens.

Aichingers Die größere Hoffnung ist einer der weniger gelesenen Romane über das Chaos des zweiten Weltkriegs – jeder Krieg auf dieser Welt ist ein Weltkrieg! –, ein Roman, der mit Peter Härtlings Worten auch bald siebzig Jahre nach Veröffentlichung noch „geduldig auf uns wartet“. Durch die Perspektive von unten ist er einer der fulminantesten Romane über den Krieg, ein „Bericht“, wie die Autorin ihn nannte. Ein Bericht über die systematische Vernichtung der Juden in Europa, aber auch ein aufrichtiger, spielerischer Bericht über jede kleine Hoffnung, die den Krieg überlebt und sich geradezu heroisch überhaupt erst an seinen Erniedrigungen nährt. „Habt ihr den Frieden gesehen?“, fragt Ellen einige Soldaten zum Ende des Romans mit ihrer kindlichen Gier nach Freude und Hoffnung. „Habt ihr den Frieden gesehen?“ Weil der Frieden kein Ort ist, sondern ein Ziel bleibt, kann es darauf in diesem, Ilse Aichingers einzigem, in diesem nahezu perfekten Roman keine Antwort geben.

JAN WILM

Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main: 2015. 288 S., 8,95€. Bestellen.