Ulf Erdmann Ziegler | Und jetzt du, Orlando!

Ulf Erdmann Ziegler, Und jetzt du, Orlando!  

„Er beherrscht London nicht,“ attestiert sich ernüchtert die fiktional-autobiographische Pendelfigur des John in J. M. Coetzees London-Memoire Die jungen Jahre (2002), in dem der Künstler als junger Mann nichts lieber wäre als ein Schriftsteller, der London beschreibend beherrschen kann. Aber einfach zu beherrschen ist sie auch nicht, die Stadt an der Themse, weder im Leben noch in der Literatur, und das ganz gewiss auch, weil sie ästhetisch so gut dokumentiert ist: Von Samuel Pepys Berichten über das verheerende Feuer, Daniel Defoes Darstellung der verheerenden Pest, zu Charles Dickens’ verwinkeltem East End, zu Virginia Woolfs weitläufigen Parks und von Einsamkeit eingeengten Stadthäusern. Nicht nur die Größe der Stadt schüchtert ein, sondern auch die Größe der literarischen Pfadbereiter. „Wenn hier jemand beherrscht wird,“ schließt Coetzees John das Plädoyer gegen sich selbst, „dann er von London.“

So wirkt dieser London-Roman, Und jetzt du, Orlando!, des Essayisten und Romanciers Ulf Erdmann Ziegler zunächst einmal einfach … mutig. Nicht leicht, sich unter den Schwingen der Groß-Chronisten der Themse herauszuwinden, deren literarische Schatten sich über die Literaturgeschichte werfen wie in der tiefstehenden Sonne die dunkle Stehle des Lord Nelson über den Trafalgar Square. Aber müssen es immer andere Horizonte sein, muss alles stets neu gemacht werden, wie Ezra Pound es von den Künstlern verlangte, muss jeder Schritt in der Literatur ein Schritt sein hinaus in die sonnenweiße Helligkeit des Unbekannten? Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch nicht, denn: „Der auf der Schattenseite geht, kann die Dinge viel besser erkennen.“ So meint zumindest Oliver, der Ich-Erzähler des dritten Romans des 1959 geborenen Autors zu Beginn seiner Geschichte, wenn er sinniert über die zwei Möglichkeiten, die einem eine jede Straße bietet und dabei vielleicht keine schlechte Parabel ist über das Menschsein. Die Schattenseite also, sie wird zum Zentrum der Geschichte: „Das war Orlandos Seite. Auf dieser Seite der Straße geht er in meiner Erinnerung. In Träumen. Für immer. Keine Rede davon, dass er am Leben nicht teilnahm.“ Orlando – dieser wohlklingende Name, vom O umarmt – wird schon bald zu einem geheimnisvollen Faszinosum, das Oliver fest umschließt – oder zu einem Loch, in das er hineinstürzt. Orlando ist ein Geschäftspartner von Oliver Hoelzle, der gerade diplomiert, nach dem Betriebswirtschaftsstudium aus Deutschland ins London der 1980er Jahre geht, um für einen Filmverleih zu arbeiten. Wie Zieglers vorherige Protagonisten ist Oliver eine Randfigur, ein Außenstehender: ein Schwabe in London, der London nicht kennt. Und es deshalb umso genauer beobachtet. Zieglers Figuren sind stets  aufmerksame Ästheten, mit einem großen Bedürfnis nach Schönheit in der unschönen Existenz, und sie sind redselig, reflektieren und diskutieren mit Leidenschaft.

In Orlando findet Oliver einen Gleichgesinnten, aber auch ein Gegenüber, das ihn ergänzt. Bald wird Orlando Olivers nächster Freund, und diese Freundschaft läuft über die Stadt London, indem die beiden die Stadt erlaufen auf gemeinsamen „Abendwanderungen“ zu Pubs, durch Parks und Straßenzüge, und wieder zurück zu Pubs. Sie erzählen sich aus ihren Leben: Oliver, der Deutsche aus der schwäbischen Bürgerlichkeit, der in London eine Frau findet, mit der er eine Tochter bekommt; Orlando der einsame schwarze Engländer, der Philosophie studiert hat und jüdischer Herkunft ist, mit Oliver deutsch sprechen und die Nächte durchreflektieren kann. Auf vielerlei Weise sind die beiden eine Dopplung, gleichzeitig Spiegel und Negativ, die sich vielleicht genau aus diesem Grunde anziehen, wie die fehdenden Brüder Oliver und Orlando in Shakespeares Was ihr wollt oder die Freunde Roland und Olivier auf dem Schlachtfeld im Rolandslied, dem Shakespeare die Namen entlehnt und Zieglers Roman einen Satz, der ihm als Epigraph dient: „Wer sterben soll, den kann keiner schützen.“ Und weil alles Leben Sterben ist, ist also auch niemand zu schützen.

In seinen Grundstrukturen ist Zieglers Roman eine gewöhnliche Freundschaftsgeschichte und eine schöne Geschichte über einen Deutschen, der England beobachtet und beschreibt, eine Engländerin zur Frau nimmt und zu einem liebevollen und nachdenklichen Vater wird – die Szenen zwischen Oliver und seiner Frau Barbara sind witzig und zärtlich, jene zwischen Oliver und seiner Tochter Kathy sind höchst rührend. Darüber hinaus schenkt einem der Roman das schöne und heute durchaus als eine hübsche Hoffnung zu betrachtende Narrativ, dass ein schwäbischer Betriebswirtschaftler in England einen Filmverleih groß macht durch den Ankauf der wichtigsten Arthaus-Filme des späten 20. Jahrhunderts. Aber das wirklich Beeindruckende des Romans, womit jeder Moment beschwert ist, womit der Epigraph jede Passage unterfüttert: Dass nichts zu retten ist und niemand, weder im Leben noch in der Literatur. Dass alles langsam vergeht und überall der Tod schon seine Spuren hinterlassen hat, die man abschreiten wird.

Der Verlust und der Tod schleichen vielerlei durch Zieglers Roman, wandern mit den beiden Freunden durch London, sie reflektieren über ihn auf besonders gewitzte Weise, wenn sie nachfragen, ob es den Tod gibt, als etwas Bestimmtes, etwas Persönliches, und wenn geliebte Menschen einfach verschwinden, worüber Oliver denkt: „Wenn so jemand stirbt, ist es, als wenn ein Baum ausgerissen wird. Eben war er noch Teil der Elemente, Himmel und Erde, Licht und Schatten, dann liegt er da und stört.“ Es ist, als sitzt der Tod in jedem Wort dieses Romans, aber man merkt ihn kaum, die Sprache ist voller Leben, und vielleicht wird das am deutlichsten, wenn man rückblickend die Art und Weise bedenkt, mit der Oliver die englische Gesellschaft und die Stadt London erzählt, mit der gewissen Genauigkeit fürs Detail der Dinge und der Menschen in dieser Stadt über die Jahre hinweg. So entsteht ein Erzählstil, der gerade in seiner Genauigkeit immer schon durchwandert ist mit einem Empfinden, dass die Dingfülle, die er ausbreitet, auch immer schon ihr Gegenteil mitliefert.

Über die Fotografie sprechend, meinte Roland Barthes einmal, ein Foto zeige immer nur tote Gestalten, eingefroren in einer Zeit, die schon abgestorben, wenn das Blitzlicht noch nicht erloschen ist. Auch der Film und die Literatur sind nicht in der Lage, den Zeitsturm aufzuhalten. Jedes Abbild und jede Ästhetisierung ist ein Dokument des Vergangenen und des Vergehenden. Zieglers Sinn fürs Detail und seine liebevolle aber direkte Sprache wissen davon nur zu gut, und er zeigt eine vergangene Zeit, ein vergehendes London, indem er genau registriert, wie eine Kamera. Ja, gerade so wie Christopher Isherwood es von sich sagte, nämlich verweilend bei den Dingen und den Menschen, zuschauend, aufnehmend, was und wer sie waren, und immer skeptisch reflektierend, wer sie sein könnten, was aus ihnen geworden ist oder geworden wäre. Am schönsten ist der Roman aber in seinem gleitenden Blick über Orlando.

Orlando ist eine Figur, die von der ersten Seite an im Zentrum steht, auch wenn sie nicht die Hauptfigur ist, eine Figur, die Orson Welles zu spielen liebte, von der die Hälfte des Films die Rede ist, bis sie sehr spät dann endlich glanzvoll auftaucht. Olivers Erzählung richtet seine Geschichte direkt an Orlando und erzählt von ihm oder um ihn herum. Orlando ist alles, was zwischen den Zeilen der Lebensgeschichte Olivers steht, und mithin ebenso unscharf. Es bleibt die Frage, wer dieser Orlando war oder ist. Auch Oliver ist sich bisweilen nicht ganz darüber im Klaren. Wie unmöglich es ist, einen Menschen zu erfassen, und vielleicht auch: wie unnötig! Freundschaft heißt doch, einen Menschen nicht kennen. Kennen wäre ein weggeschlossener Mensch, ohne Reiz, ohne Rätsel, ein ausgerissener Baum. Orlando bleibt rätselhaft bis zum Schluss, bleibt versteckt in sich selbst und verliert so für Oliver nie den Reiz. In der schönsten Passage des Romans erkennt man Zieglers große Kunst für Stimmungen und die sanfte, Cheever’sche Prise des Surrealistischen, die in seiner Prosa nachschmeckt: „Das bist eben du, Orlando, du bist jüdisch, verbildet, elegant, schwul, einsam, all das. Oder all das nicht. Nein, ich werde dich sein lassen, was du sein willst. Ich werde rausgehen in die Nacht und den Himmel betrachten, der dunkel sein wird, keine Zeichen, nichts. Ich werde mir etwas herausschneiden aus diesem Himmel und es unter dem Arm nach Hause tragen, weil es mir gefällt. Ein schwarzes Bild.“

Dieses schwarze Bild bleibt, und am Ende dieses beeindruckenden Romans ist Orlando einem selbst ein wenig zum Freund geworden. Und wie es eben läuft, hat man damit auch die Gewissheit, ihn irgendwann verlieren zu müssen. Indem Orlando dieses Rätsel bleibt, sich auch Olivers Griffen entzieht auf „seine tänzelnde Art“, schafft es Ziegler, die alten Bilder von Freundschaft hier in ganz neue Lichter zu stellen, oder in ganz neue Schatten. Auch London erscheint hier, wie man es in der deutschen Literatur nicht kennt, denn Ziegler kennt, Ziegler kann London ganz gut. Ob im Detail der englischen Gesellschaft („ein Teetisch, dessen Beine Knickse andeuteten“) oder in der Reflexion, wie wenn Oliver und Orlando auf einer ihrer Wanderungen in einen der vielen Parks der Stadt gehen: „Still betrachteten wir die Häuserreihe, die den großen Rasen auf der Rückseite abschloss. Die Artigkeit Englands. Die allgegenwärtige Puppenstube.“ Und auch dann noch, wenn unter dem Hinwegfliegen der Zeit die Metropole sich den anderen Großstädten der Welt angleicht: „Die Leute sitzen an Tischen, drinnen oder auch vor der Tür, und reden mit sich selbst. Nicht wirklich. Sie haben kleine, fast unsichtbare Kopfhörer auf, und sie telefonieren. Die einen. Die anderen haben einen Bildschirm vor sich, den sie leicht angeschrägt halten wie eine Bibel, aus der sie vorlesen. Aber sie lesen nicht vor, sondern sie fahren mit dem Daumen über die Fläche, in der sich immer etwas dreht, so wie die Erde sich dreht. Einer von diesen Leuten bin ich.“

Warum erzählt Oliver das so genau? Weil er sich an Orlando richtet, der all das nicht kennt? Einerseits. Andererseits aber, weil Zieglers Texte, wie Richard Linklaters über zwölf Jahre gedrehter Film Boyhood oder die Up-Dokumentationen, sich immer ganz genau bewusst sind, wie die Wirklichkeiten, in denen wir leben, dokumentiert sind in den Dingen, die wir in unseren Händen halten, wie in den Objekten unser Leben, unsere Zeit liegt. Man müsste sie eigentlich immer nur aus ihnen herauslesen, aus ihnen herauserzählen, und man würde niemanden verlieren.

JAN WILM

Ulf Erdmann Ziegler, Und jetzt du, Orlando!, Suhrkamp Verlag, Berlin: 2018. 219 S., Taschenbuch, 11€. Bestellen.