Sieben | Michael Ondaatje

Michael Ondaatje, Handschrift.

Michael Ondaatje wurde 1943 in Sri Lanka geboren; er lebte über lange Zeiten in England und lebt bis heute in Kanada, während sein Leben immer wieder markiert war von Momenten der Rückkehr nach Sri Lanka. Wie Ondaatje selbst sagt, ist es vielleicht auch aus diesem Grunde nicht verwunderlich, dass seine Lyrik wie seine Prosa immer gezeichnet sind von Reisen, von Wegen, die begangen und beflogen werden zu einer Art Heimkehr, auch wenn der Fortgewesene, weil er ein Stück von sich selbst als anderer mit nach Hause bringt, im Zuhause eine neue Welt findet.

In Novalis’ Roman Heinrich von Ofterdingen wird einmal die Frage gestellt: „Wo gehn wir denn hin?“ Beantwortet wird sie ganz knapp: „Immer nach Hause.“ Die Sprecher in Michael Ondaatjes zuerst 1998 erschienenem Gedichtband Handschrift (Handwriting) sind allesamt ähnlich Antwortende. Ondaatjes bis dahin zehnter Gedichtband (ein weiterer folgte 2006) war sein erstes eigenständiges Buch nach dem weltweiten Erfolg von Der englische Patient (The English Patient) sechs Jahre zuvor. Handschrift, von Simon Werle in ein magisches Deutsch übertragen, teilt eine Menge Gemeinsamkeiten mit dem Roman, der Ondaatje weltbekannt machte: Die Wunden und Narben des Krieges, das glänzende und gebrochene Licht der Erinnerung, den Trost und die Dauer der Kunst.

Doch während Der englische Patient den Verlust und die Verbrechen des Krieges durch explizites Erzählen zu bändigen versucht, verstehen die Sprecher der Gedichte der Handschrift, dass die Geschichte, das oft so wilde Tier von moralischer Idiotie, nicht immer zu bändigen ist, nicht immer durch Erzählen. So sind die Sprecher der Gedichte allesamt ruhige Beobachter. Mit gefasstem Auge auf die Verheerung und Verrohung der Zeiten blickend, registrieren sie die scharf konturierten Bilder und Momentfetzen, die dennoch in einer „Spiegelwelt der Kunst“ gezeigt werden, um in der gemächlichen Wiederholung der Historie vielleicht wenigstens ein Moment der Kontinuität im Zeitzerfließen auszumachen. In Handschrift schenkt Ondaatje seinen Lesern sein Geburtsland, die Landschaften, die leuchtenden Alltagsdetails Sri Lankas, die Mythen und Traditionen eines Landes, das meistenteils in der hastigen Kommunikationsprosa der Kriegsberichterstattung erinnert ist. Immer wieder stellt Ondaatje in den Gedichten mittelalterliche Kriege implizit mit gegenwärtigem Kriegstreiben gegenüber, ohne dabei aber nur bei den Schrecken stehenzubleiben. Stattdessen wenden seine Beobachter mit gelassener Geste ihre Blicke auf die Momente der magischen Winzigkeiten, die selbst im Krieg nicht unter den Schatten ertrinken. Aus der Ferne sieht einer der Beobachter „eine Safrannarbe / aus Mönchen über die Lichtung“ ziehen; „Dunkelheit in ihrem Haar“; „der Himmel sternenschön“; und Frauen, die Lotos stechen „in der Mitte des Flusses“ und unten, unter dem Glas des Wassers: „Eine noch nicht gefangene Garnele versteckt sich zu ihren Füßen“. Hier findet Ondaatje „die wiederholte Lust // der endlichen Dinge. In Trance versetzt von Poesie.“

In die mythischen und traditionellen Momente der Gedichte mischen sich allmählich Gedanken, die mit einer kühlen Klarheit angerissen werden, dass sie autobiographisch wirken, wenn genügend Zeit vergangen ist, so dass gelebtes Leben zu den Sedimenten einer Biographie abgesetzt wurden und man über die vergangene Zeit blickt wie über eine Weite im Raum, wenn man sagt:

Das letzte singhalesische Wort, das mir entfiel,
war vatura.
Das Wort für Wasser.
Waldwasser. Das Wasser in einem Kuß. Die Tränen,
die ich um meine Ayah Rosalin vergoß, als ich
das erste Zuhause meines Lebens verließ.

In der „Trance von Poesie“ aber ist das alles noch da, und alles schon da. Was da ist, ist alles, nur anders, es steht beinahe überall geschrieben in einer anderen Sprache:

Handschrift kam auf Wellen,
auf Blättern, den Skripten des Rauchs,
ein Signal auf einer Brücke am Mahaweli-Fluß.

Ein allmähliches Ja zu dieser neuen Sprache.

Das Erlernen, das Sprechen und Schreiben dieser Sprache, abzuhören, was die Welt kontinuierlich um einen herum aufschreibt, ist die Aufgabe des Dichters. Im Herauslesen der Poesie, die in der Welt steckt und geduldig wartet, so schön und ungefangen wie die Garnele auf dem Kiesbett des Flusses – im Übersetzen der Welt in die immer neuen Sprachen der Dichtung sprechen die Dichter auch immer ihre Sprache zurück in die Welt, legen ihre neuen Worte in die alten Dinge und machen die Welt zu einem Kind.

Im Rückblick auf Dichter in papierlosen Zeiten nimmt Ondaatje das Beschreiben der Welt ganz wörtlich:

Die Dichter schrieben ihre Geschichten auf Fels und Blatt,
um die Arbeit des Tages zu feiern,
die Schattenfreuden der Nacht.

So war es, so ist es, so wird es immer sein, ganz gleich welche Verrohungen und Verheerungen über „Fels und Blatt“ hinweggehen, denn die „Trance der Poesie“ ist nicht zu überschreiben, so lange ein Herz schlägt:

Was ewig ist, ist Ziegel, Stein,
ein schwarzer See, wo Wasser unter Schlamm
verschwindet und wieder emporsteigt,
der Bogen der Dagoba, Widerhall eines Berges.

So lange ein Herz schlägt, ist Poesie ewig – daran glauben Ondaatjes Sprecher und Beobachter ganz fest: „Wir glaubten an das Leben des Herzens, ein inneres Selbst.“ Denn wie eine Handschrift, jede eigen und einmalig, wie ein Fingerabdruck, so ist auch jedes Herz, das inmitten eines Menschen schlägt. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Sprache der Dichtung zu lernen und dabei zu erkennen, wie jeder Pulsschlag ein Abdruck auf den Dingen im Sein werden kann, eine Handschrift des eigenen Lebens, ein Herzabdruck auf der Welt.

JAN WILM

Michael Ondaatje, Handschrift. Aus dem Englischen von Simon Werle. München: Carl Hanser Verlag, 2001: 88 S. € 12,90. Bestellen.