Sep 2015 | Adam Thirlwell

Adam Thirlwell, Grell und Süß.

Ein Abschweifungskünstler ist dieser Adam Thirlwell und ein Wunderjunge der englischsprachigen Gegenwartsliteratur. Vielleicht flüssiger und organischer als in seinen beiden vorherigen, ästhetisch wie inhaltlich verflixt interessanten Romanen Strategie (Politics, 2003) und Flüchtig (The Escape, 2009), zeigt der 1978 geborene Londoner nun in Grell & Süß (Lurid & Cute, 2015), wie komisch und philosophisch die Digression sich in der Literatur noch immer darstellen kann.

Ästhetische Schutzengel sind dabei neben Laurence Sterne auch Thomas Bernhard und Marcel Proust. Mit den Helden des österreichischen Übertreibungskünstlers teilt Thirlwells Hauptfigur den Hang zur Selbstüberschätzung gepaart mit vernichtenden Selbstzweifeln und mit dem lange schlaflosen Protagonisten des französischen Autors teilt er die philosophische Nachdenklichkeit über das Verschwinden der Zeit und wie es sich manchmal darstellt als die Unfähigkeit zwischen Wahrheit und Fiktion, zwischen Idealität und Realität unterscheiden zu können. Denn die Fiktion hebt die Realität aus der Zeit.

Dabei beginnt alles zunächst mit viel zu viel Realität, mit „Blut“. Der Namenlose Held erwacht in einem Hotelzimmer und in einer ganz bestimmten „Art von Problemsituation“. Etwas stimmt nicht – „Schon seit längerem hatte es atmosphärische Probleme gegeben – kleine Brüche und Risse, wie Schmetterlinge im Herbst“ –, etwas ist nicht in Ordnung. Neben ihm liegt nämlich eine junge Frau, was vielleicht bereits Grund zur Verwunderung ist – „Bei Frauen war ich immer schon schüchtern“ –, aber das ist es nicht allein, nicht ganz. Die junge Frau nämlich ist nicht seine Ehefrau, denn unser junger Held ist verheiratet. Aber auch das ist es nicht, „diese neue Sache“, denn Romy, die junge Frau, mit der er nicht verheiratet ist, die mit ihm das morgendliche Bett teilt, „schlief auf dem Bauch, und auf dem Kissen war neben ihrer Nase ein dunkler Blutfleck.“

Es ist also diese Art von Buch. Aber nein, auch das ist es nicht, „diese neue Sache“ ist etwas anderes, und dieses Grell & Süß ist ein anderes Buch, ein neues Buch. Es breitet sich darin langsam etwas aus, vielleicht nicht ungleich dem Ausbreiten von Blut auf einem Kopfkissen. Dieses Ausbreiten ist unhaltbar, vielleicht nicht ungleich dem Ausbreiten einer Stimme, wenn ein Roman seinen Anfang nimmt mit dem Vagitus seines ersten Wortes. Was sich hier deutlich ausbreitet ist der markante Stil dieses Romans, und mit jeder Zeile, mit jeder Seite wird er satter, greller und wuchert wild in köstlichsten Ausschweifungen. Tristram Shandy bekräftigte einst, Ausschweifungen seien unbestreitbar der Sonnenschein des Lesens. Thirlwells Roman nimmt seine Leser in die Sonnenwelt des Ausschweifens mit; durch die gewählte Form aber zeigt er, dass Ausschweifen und Ausbreiten für literarische Figuren durchaus kühle Schattenseiten haben kann.

Denn der namenlose Held ist ein Leidender jenes Ausbreitens, das man das Verstreichen der Zeit nennt. Sein Leben sickert in die Zeit davon, treibt weiter und weiter weg von gestern, und weil die Erinnerung an gestern noch fühlbar ist, ist gestern eine abgestorbene Welt. Eingeschlossen in den Tod der Zeit ist jeder vergangene Tag ein totes Leben, eine verschüttete Welt, jeder neue Moment ein Vernichten des eben vergangenen Moments. Der Held von Thirlwells Roman ist auch in dieser Hinsicht ein Abschweifender, ein ewig aus dem eben gelebten Leben Heraussterbender, der sich mehr und mehr bewusst wird, dass es bald kein Zurück mehr gibt, auch wenn er nach seinem Seitensprung, neben der leblos liegenden Romy liegend, nach Orientierung sucht: „Ich konnte den Fluchtweg erkennen, zurück zu etwas, das ich als mein normales Leben bezeichnen konnte.“

Thirlwells dritter Roman ist eine Ausschweifung der Shandy’schen Art, und der Erzähler reflektiert zu gleichen Teilen witzig wie tiefsinnig über das Leben, über die Welt, den Tod, die Wirklichkeit und die Literatur, und bei allem Humor gelingt es Thirlwell aus diesem Roman eine Reflexion über die Endlichkeit zu machen, die jedes Leben jede Sekunde lang begleitet, wie das Abschweifen auch das Abdriften von einem einzigen Ausgangspunkt weg, ein entropisches Forttreiben ins eigene Nichts ist. Dabei trägt der Roman dies meist nicht am Revers, stellt nicht so sehr inhaltlich aus, was es bedeutet, fortwährend in Veränderungen begriffen zu sein, eigentlich jeden Moment in eine neue Welt geworfen zu werden, die alte Welt mit jedem Lidschlag hinter sich lassen zu müssen. „Und so kommt es, dass jemand aus dem Fenster oder ins Meer und in eine andere Welt hineinfällt.“ Es ist eher in der Form, in dieser besonderen Thirlwell’schen Ästhetik, da der Roman dies erforscht und darstellt. Mit jeder Wegbewegung von einer geradlinig erzählten Handlung, weg von vorgetretenen Wegen, mit jedem Hakenschlag inmitten eines Satzes zu einer weiteren Reflexion, einer neuen Einsicht hin, steckt der Beigeschmack der permanenten Veränderung, die allem Existieren eingeschrieben ist.

Gleichzeitig liegt im Auflösen der Linearität, im Abwürgen der chronologisch erzählten Handlung und in dem immer wieder ausgeweiteten (ausgeweideten) Satz auch ein existenziell höchst bedeutsames Moment. Das Zurückweisen der kruden Vorwärtspeitsche des realistischen Romans beinhaltet auch ein aufsässiges Nein gegen das Voraus in den Tod. Während alles in Entropie begriffen ist, hält dieser Roman inne, indem er abschweift und die Stimme, das Sprechen am Laufen hält. Da eine Romanfigur ausschließlich in Sprache existiert, ist das Ende der Sprache das Ende der Existenz. So scheint es nur sinnvoll, dass die Hauptfigur dieses Romans spricht und spricht und weiterspricht, und auch wenn es vielleicht nicht so wichtig ist, worum dieses Sprechen kreist, ist dieses Kreisen unsagbar interessant:

Denn ich hatte immer nur leben wollen. Und das wahre Leben – und das ist keine neue Erkenntnis von mir –, das Leben, das schließlich aufgedeckt und beleuchtet wird, und damit das einzige Leben, das wirklich gelebt wurde, ist das Leben, das man in der Rückschau betrachtet, von irgendwo oben in den Wolken aus, und ein Wort, das diesen Blick beschreiben könnte, ist vielleicht Literatur. Oder wenn nicht Literatur, dann wenigstens Erzählen.

Dann wenigstens Erzählen. Die vielleicht ernüchternde Diagnose dieses Romans lautet: „Alles ist retrospektiv“. Wenn alles jeden Moment vergeht, wie gelingt es dann, wahrzunehmen, zu verstehen, was ein Moment ist, außer zu verstehen, was ein Moment war? Aber schöpfen wir Mut: „wenn die Welt, an die man glaubt, schon verloren war, bevor man sie betreten hat, und bloß eine Illusion ist, dann ist das kein Grund, diese schöne Illusion nicht aufrechtzuerhalten.“ Es ist diese Art von Buch.

Thirlwell und seine Leser folgen dem Helden auf seinem Weg durch einen kurzen Schnipsel Leben, den er ohne Arbeit und gelangweilt durch die Zeit trödelnd, denkend und redend verbringt, fernab von allen realistisch greifbaren Eckdaten. Dabei ist dieser Roman keinesfalls plotlos: Man wird Zeuge von einem Überfall auf ein Nagelstudio und einem Überfall auf ein Restaurant, man wird Teil einer Verfolgungsjagd und verfolgt unseren Helden dabei, wie er sich bei einer ausgesprochen unterhaltsamen Orgie sprichwörtlich zerteilen muss. Das haben Orgien so an sich, sagt man. Wer aber allein für den Plot liest, liest vielleicht an den außergewöhnlichsten Qualitäten dieses Buches vorbei und verpasst dieses exquisite „Sprachdelirium“. Das Abschweifende, Ausufernde, das Abwegige sind vielleicht Wege gegen die rücksichtslosen Sensen, die alles niedersäbeln auf dem Weg zum Ziel, das hinter einer Sache liegt, ob man dieses Ziel die Wahrheit nennt, die Erkenntnis, oder den Sinn eines literarischen Textes. „Es war, wie wenn man sich vorstellt, dass alles eine Oberfläche ist – und schließlich ist alles Oberfläche“.

Es liegt eine Schönheit in der Hinwendung zu dieser Oberfläche und es liegt eine Schönheit in einer Ästhetik des Ausschweifenden und es liegt darin die Möglichkeit, die Oberfläche nicht als Hindernis und als etwas zu betrachten, das überwunden werden muss, sondern als etwas, das es gilt zu betrachten und zu bedenken. Eine Ästhetik des Ausschweifenden ist der Ausdruck der Verweigerung, die Sprache als ledigliches Kommunikationsinstrument zu sehen. Die Sprache eines Romans ist nicht das Glas eines Fensters auf die Welt. Die Sprache ist das Fenster und die Welt selbst, der Blick nach draußen und alles Draußen und Drinnen an sich. Lässt ein Roman das Fenster zerspringen, nutzt er die Sprache, um etwas anders zu zeigen, das Glas, das Fenster, die Welt – alles ist plötzlich sichtbar, und dabei wirkt es zunächst so, als könne man überhaupt nichts mehr sehen.

JAN WILM

Adam Thirlwell, Grell & Süß, aus dem Englischen von Tobias Schnettler, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2015, 448 S., gebunden, 19,99 €. Bestellen.