Sep 2015 | Laurence Sterne

Laurence Sterne, Eine Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick.

Man erzählt sich, dass der anglo-irische Landpfarrer Laurence Sterne (1713–1768) – zweifellos der Erfinder des modernen, experimentellen Romans – in der Öffentlichkeit darauf Wert legte, Wahrheit und Fiktion verschwimmen zu lassen, und zwar in Form seiner eigenen Person. Nachdem Sterne mit seinem Roman Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1759–1767) zu sensationellem Erfolg gekommen war, fand er sich plötzlich in den höchsten Gesellschaftskreisen Londons wieder. Man muss ihn sich vorstellen, diesen religiösen und empfindsamen Menschen, wie er zwischen den gerüschten Damen und perrückten Herren der Londoner Salons umherspazierte und seine begeisterten Leser aktiv dazu ermutigte, ihn mit den Figuren seines Romans zu verwechseln, mit dem namensgebenden Helden und mit dem exzentrischen Pastor Yorick, der in seiner 1768 publizierten Empfindsamen Reise durch Frankreich und Italien als Erzähler und Hauptfigur auftritt und eine Reise nachempfindet, die Sterne einige Jahre zuvor selbst unternahm. Noch im selben Jahr erschienen in Deutschland rasch zwei Übersetzungen des Romans; die holprigere der beiden, besorgt von Matthäus Mittelstedt trägt den Titel Versuch über die Menschliche Natur in Herrn Yoricks, Verfasser des Tristram Shandy, Reisen durch Franckreich und Italien.

So machte Mittelstedt Yorick zum Autor eines Romans, in dem Yorick als Figur seines Autors Laurence Sterne auftritt. Sterne hätte an dieser postmodernen Pirouette avant la lettre seine Freude gehabt, doch er war bereits drei Wochen nach Erscheinen seines zweiten großen Hauptwerks verstorben. Sein Leben aber, so scheint es, war ganz mit seinem Werk verzahnt, und ganz darauf ausgerichtet, vom Moment an, da er das Opium des Schreibens gekostet hatte, seine Leser mit dieser Wunderdroge Literatur zu benebeln, sie in verschiedenste Fallen hineinzulocken. Ob er sich in dem Bildungsroman um Tristram Shandy mit der Ur-Bildung, nämlich der Geburt seines Helden, bis Band III des neunbändigen Werkes Zeit lässt, oder in der Empfindsamen Reise seine Leser freimütig zwischen Gefühl und Gelächter, zwischen platonischer Andeutung und zotiger Doppelbödigkeit wanken lässt, während er Yorick in allerhand Kapriolen verwickelt – Sternes Literatur kann und will nichts anfangen mit Lesern, die sich nicht verführen, verlocken, verwickeln lassen können oder wollen.

Die Verlockung der Leser, die Sterne mit seinem Werk vollführt, hat einmal religiöse Gründe, ähnlich der Art wie ein Leser von spirituellen Texten bewegt und gerührt sein mag. Sternes Oeuvre ist ein Gegenentwurf zum vorherrschenden Rationalismus und Materialismus seiner Zeit, und hier erfindet er mit dieser kleinen Schrift kurzerhand eine ganze Literaturtradition, die Empfindsamkeit. Sie ist ein Abgesang an die reine Vernunft und sucht nach Rührung, nach subjektivem und gefühlvollem Empfinden, das in sinnlichen Wahrnehmungen die Welt ebenso innig zu durchdringen vermag wie die Wahrheitssuche mit der Lupe der Empirie. Andererseits unternimmt Sterne eine Verlockung seiner Leser durch die ständige Doppelbödigkeit seines Textes. Er ist sich bald zwei Jahrhunderte vor dem Modernismus schon sehr genau bewusst, dass jedes Wort in verschiedene Richtungen funktioniert und macht sich dieses Wissen bestens zu nutzen, indem er aus Wörtern Falltüren macht.

Wie Wolfgang Hörner in seinem informierten Nachwort der besten Übersetzung des Romans von Michael Walter schreibt, das Buch ist gefüllt mit „Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und Szenen, die erst auf den zweiten Blick den erotischen Subtext preisgeben“. Rasch herausgegriffen sei nur eine Szene genannt, die auf subtilste Weise verstehen lässt, dass Sternes Vorstellung von Empfindsamkeit kaum platonisch, sondern immer vom sexuellen Eros durchzuckt ist. Yorick, der alle paar Seiten einer wunderschönen, jungen Frau begegnet, gerät in einem Buchladen, da er sich mit Shakespeares Werken versorgen wollte, in Unterhaltung mit einem Mädchen, dessen „kleines grün-seidenes“ Täschchen bemerkenswerterweise Yoricks ganze, detaillierte Aufmerksamkeit hat. Nebenbei, das Mädchen hat gerade Crébillons Buch mit Titel Irrwege des Herzens erstanden:

Das junge Mädchen lauschte mit ergebener Aufmerksamkeit und hielt dabei die ganze Zeit ihr seid’nes Täschgen am Bande in der Hand – Sie ist recht klein, sagte ich, und griff sie unten an – sie streckte sie mir entgegen – und es ist auch sehr wenig darinne, meine Teuerste, sagte ich; aber sei Sie nur immer eben so brav als Sie hübsch ist, dann wird der Himmel sie Ihr schon füllen: Ich hielt noch etliche Kronenstücke in der Hand, wovon ich den Shakespeare hatte erstehen wollen; und weil sie ihr Täschgen vollends hatte fahren lassen, steckte ich ein Stück hinein, verknüpfte das Band zu einer Schleife und reichte es ihr wieder zurück.

Ist doch nichts dabei! Sterne scheint implizit einen Leser an der Nase herumzuführen, der ausschließlich rational liest, der in der Wortwörtlichkeit die Wahrheit vermutet. Zum Lesen wie zum Leben gehörten für Sterne immer beides, der Verstand und das Gefühl, denn dem durch und durch reinen Geist entgehen die Regungen und Reaktionen des Körpers. Auch Lesen, so scheint es, findet nicht einzig im Kopf statt – wenn der Brustkorb mit einem Lacher erschüttert ist, wenn man die erstaunlichen, herrlichen letzten Momente dieses wundersamen Romans liest, wer könnte daran zweifeln, dass Lesen immer auch ein erotischer, weil körperlicher Akt ist?

Der Sohn des Humors und der Ironie Laurence Sterne schrieb einmal in einem Brief über seine und Yoricks Empfindsame Reise: „Wird man dies für kein keusches Buch ansehen, dann Gnade Gott, denen die es lesen, denn sie müssen fürwahr eine überhitzte Phantasie haben.“ Man könnte anmerken: Gnade Gott, denen, die ihre Stunden auf der Welt, ob nun gezählt oder ungezählt, verbringen, ohne dieses Buch zu lesen.

JAN WILM

Laurence Sterne, Eine Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick, aus dem Englischen von Michael Walter, Berlin: Verlag Galiani Berlin, 2010, 370 S., gebunden, 24,95 €. Bestellen.