Sechs | Novalis

Novalis, Heinrich von Ofterdingen.

„Das Ganze soll eine Apotheose der Poësie seyn“, schrieb Novalis am 23. Tag des ersten Februars im gerade angebrochenen neunzehnten Jahrhundert an Ludwig Tieck. „Es ist ein erster Versuch in jeder Hinsicht – die erste Frucht der bey mir wieder erwachten Poësie“. Zu jener Zeit hatte der Dichter seit etwa drei Monaten an diesem Gipfelversuch der Poesie gearbeitet: an seinem Roman Heinrich von Ofterdingen. Jener Gegen-Meister, der sich dezidiert von Goethes Bildungsroman um den vormaligen Kaufmanns- und baldigen Theaterlehrling Wilhelm und von all den Widrigkeiten auf dessen Werdeweg abgrenzt, jener entscheidende Roman der Frühromantik blieb Fragment. Novalis starb, nach großer Produktivität an seiner Poesie-Apotheose und in seinem Beruf als Bergbaubeamter, am 25. Tag des Jahres 1801 an den Folgen der Tuberkulose. (An kaum etwas anderes, mag man meinen, hat die Welt und ihre Literatur mehr Schriftsteller verloren, vielleicht mit Ausnahme des Selbstmords und also des Lebens.)

Entgegen der frühen Rezeption nach Novalis’ frühem Tod, die ihn als weltabgewandten Sonderling positionierte, der wie Eugene O’Neills Edmund „immer leicht in den Tod verliebt“ war, erscheint das Leben Friedrich von Hardenbergs heute nicht als der Platzhalter eines ersehnten Todes, sondern als ein Leben in gelebter Mitte von Gesellschaft und Beruf und Bildung und Dichtung. Zwar hing Novalis dem Tod seiner jungen Geliebten Sophie von Kühn lange nach, doch fand er kurz nach ihrem Tod noch einmal eine Kurzzeit der Liebe mit Julie von Charpentier, bevor er nach kurzer Krankheit nicht lange danach neunundzwanzigjährig starb. Wie bei Kafka oder Keats scheint die Luft des Lebens sich in Eile auch durch die poetischen Lungen des Novalis gezogen zu haben, und alles, was sie sprachlich ausatmeten, war voller Leben und voller Poesie. Wo andere warteten, schrieb Novalis. Während um ihn die Welt fortraste, stand er fest und scheinbar von früh an ganz sicher in der Dichtung – ein Jungvollendeter, denn was ist Novalis schließlich, wenn nicht selbst eine Apotheose der Poesie?

Der Ofterdingen beginnt mit einem Traum, in dem der junge Heinrich, noch im Haus seiner Eltern lebend, seine zukünftige Geliebte Mathilde in einer blauen Blume sehen darf, und in dieser Blume – himmelblau, wasserblau, „milchblau“ – wird darauf eine ganze Generation romantischer Dichter das Symbol ihres Schaffens sehen. Heinrich erwacht, doch die Farbe und der Nachduft der Blume bleiben bestehen: „aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken.“ Wie ein Geleitstern schwebt diese Blume über dem Romanfragment, Heinrich folgt ihr und findet, was ihm bestimmt ist: die Liebe, aber auch die Trauer, und in allem die Dichtung.

Während Wilhelm Meister sich abmühen und durchs Land und über Hindernisse wälzen muss und erst am erlittenen Schmerz zum Dichter wächst, hat Heinrich all das überhaupt nicht nötig. Sich einmal die Lesart der Literatur über die Biographie des Autors erlaubend und an den frühen Tod des Dichters denkend, könnte man fast sagen: Heinrich hat für solches  Theater keine Zeit. Zwar geht auch er auf Wanderungen und lernt Lehrfiguren kennen, allen voran den Minnesänger mit dem singenden Namen Klingsohr. Aber Heinrich scheint gleich zu Beginn des Romans selbst schon die hartgezogene Kontur eines Dichters zu besitzen, und die folgende Geschichte wirkt wie das bunte Ausmalen des längst feststehenden Bilds. „Heinrich war von Natur zum Dichter geboren.“ Hügelige Dramaturgie durch das steinige Jugendtal zum sonnigen Gipfel der Reife? Pah! Nichts für Novalis, nichts für Heinrich. Schließt euren Meister, öffnet euren Ofterdingen!

Weil es Realismus nicht gibt, kann nichts abgebildet werden. Und weil nichts abgebildet werden kann, muss ein Bild – ob nun mit Form und Farbe auf einer Leinwand oder mit Wort und Begriff auf einem Papier – eben durch ein anderes „wunderthätiges Werkzeug“ erzeugt werden. Schon sehr früh nach Goethes Wilhelm Meister, kaum fünf Jahre, entwirft Novalis hier eine vollkommen andere, „wunderthätige“ Form des Romans, der zwar zur Hälfte in der Tradition des Bildungsromans steht und geht. Zur anderen Hälfte aber, zur entscheidenden Hälfte, unterbricht Novalis eben die Bildung des Goethe’schen Beispiels und bleibt dem klassischen Handlungsfortgang weit fern. Die Handlung als Stoff einer dramatischen Spannung wird ausgesetzt. Bloß die Kontur einer Bildung verbleibt, die Kontur einer Bildung zum Dichter, die aber eigentlich kaum Bildung ist, da sie von Beginn an besteht, und sie wird lediglich ausgefüllt durch das Wesen der Dichtung als Sprache. „Der Stoff ist nicht der Zweck der Kunst, aber die Ausführung ist es.“

Zwar wird Heinrich bald zum Dichter, die Bildung scheint bald abgeschlossen und der Stoff des Romans scheint die Erzählung der Künstlerwerdung zu feiern. Die bedeutendere Feier aber liegt in der Plastizität des Romans, in seiner Ästhetik; eine Sprachfeier, die durch ihr eigenes Wesen selbst dann Apotheose der Poesie wäre, wenn der Roman von etwas ganz anderem handeln würde, denn wie der Dichter Klingsohr weiß: „In der Nähe des Dichters bricht die Poesie überall aus.“

Und weil die Handlungsläufe, die sich mühelos entrollen, eben aus der Nähe einer Reihe von Dichtern entstehen – Heinrich, Klingsohr, Novalis –, bricht durch jede Episode, jede Szene diese seltsam-schöne Novalis-Poesie überall aus: In Heinrichs anderem Traum, wenn er gefährlich von seiner geliebten Mathilde träumt und sie ihm ein Wort sagt, das stumm bleibt („Sie sagte ihm ein wunderbares Wort in den Mund“ – fantastisch, nicht?: „in den Mund“). In der Einsiedler-Episode, wenn Heinrich und die anderen Reisenden einen Einsiedler in einer Höhle finden und er ihnen „seine Bücher“ zeigt; mit welch liebevoller Freude Heinrich da „bey den Büchern“ bleibt und „ihm ein Buch in die Hände fällt“, das sein ganzes Leben in Bildern schon vorzuzeigen scheint. Und in dem Märchen, das der Roman von der als Fabel allegorisierten Poesie erzählt, wenn die Welt in einer Kreisbewegung zu enden scheint und wieder erneuert wird und wenn ein Schreiber auftritt, der Seite um Seite mit Sätzen und Zeilen füllt und darauf jedes Blatt „einer edlen, göttergleichen Frau“ reicht. Die Göttin der Weisheit scheint sie zu sein und jedes seiner Blätter taucht sie in „eine dunkle Schale mit klarem Wasser“:

und wenn sie bey’m Herausziehn gewahr wurde, daß einige Schrift stehen geblieben und glänzend geworden war, so gab sie das Blatt dem Schreiber zurück, der es in ein großes Buch heftete, und oft verdrießlich zu seyn schien, wenn seine Mühe vergeblich gewesen und alles ausgelöscht war.

Friedrich von Hardenberg war kein weltentrückter Fremdling, nicht in diesen Worten und auch nicht in seinem sonstigen Werk. Immer wieder erhob die Romantik die Dichter zu den ungesungenen Helden der Geschichte – so auch der Ofterdingen –, und vielleicht ist noch etwas Gewürz drin in dem abgeschmackten Gemeinplatz, dass die Dichter tatsächlich die besseren Menschen sind, mit der Einschränkung, dass ihr „besseres“ Menschsein eben innerhalb der Konturen ihrer Dichtung stattfindet. Und müssten sie nur nicht immer wieder raus aus diesen Konturen, könnten sie sich darin immer ganz ausmalen, immer besser leben, schriftlich, poetisch, in den inneren Landschaften der Sprache, wo sich einem einer einfach zuwenden könnte, der lächelnd sagt: „Nicht wahr, es ist hübsch, wenn man ein Dichter ist?“

JAN WILM

Novalis, Heinrich von Ofterdingen. Text und Kommentar, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007, 253 S., € 7,00. Bestellen.

Novalis, Gesammelte Werke, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1957. 528 S., €. 12,00. Bestellen.