Red Herring

Red Herring.

Vor einigen Tagen kam ich mit einer Bekannten ins Gespräch über John Williams, den Schriftsteller des Stoner, nicht den Komponisten der Star Wars-Marschmusik. Wir sprachen über unser geteiltes Interesse für das bekannteste Buch des Autors um den Philologen William Stoner und seine Prinzipien, das würdevolle oder bornierte Beharren auf moralischen Grundlagen und Werten im Umgang mit Literatur. Dass Stoner ein Ehebrecher ist, sprachen wir nicht an, aber wir waren auch nicht unter uns.

Schließlich erwähnte meine Bekannte, dass mir ja auch der erste Roman von John Williams, Nichts als die Nacht, „ziemlich gut“ gefallen habe, worauf ich mich an einem Hering verschluckt hätte, wenn ich nicht nur Kaffee getrunken hätte.

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte ich sie.

„Das steht auf der Webseite des Buches – wo ist das noch mal auf Deutsch erschienen?“, fragte sie.

Erschienen ist das Buch auf Deutsch bei dtv, wo es auch eine Webseite hat, die ich mir nach unserem Treffen gleich ansah – wieder eine günstige Gelegenheit, sich zu fragen, wo in solchen Situationen der Hering ist, wenn man ihn braucht. Denn was ich las, erforderte unbedingt, dass mir etwas im Halse stecken bleibt. Da Verlagswebseiten sowohl angebots- wie wettbewerbsorientiert sind, überrascht es nicht, dass der Klang der Pressestimmen im lobenden Unisono gehalten ist. Mein Name auf der Lobesliste allerdings war eher ein Misston und hatte eigentlich den Anspruch, die ganze Nummer zur Kakophonie aufquietschen zu lassen. Allerdings nicht wegen der Worte, die ich hier von mir las:

Jan Wilm, nzz.ch, November 2017
„Eine frühe Fingerübung des Autors John Williams.“

Schön und gut. Die Worte sind eindeutig meiner Besprechung des Debütromans von John Williams zuzuordnen, die am 8.11.2017 erschienen ist, übrigens um 5 Uhr 30, als ich noch schlief. Die von dtv zitierten Worte sind gewiss die Zierleiste meiner Besprechung, oder der Stuck: Sie sind der Titel der Rezension, bekanntermaßen gelegentlich von anderen Handwerkern verfertigt als die Maler, die die Wände der Besprechung bestreichen.

Doch dass diese Worte so nicht von mir stammen, ist ohne Bewandtnis. Sie sind meiner Besprechung zugeordnet. Von Bewandtnis ist allerdings, dass dieser Erstling von John Williams erstens ein Findelkind ist, dem der Autor zeitlebens abgeschworen hatte, und dass Fingerübungen zweitens durchaus miserable Bücher sein können. Meine Besprechung macht das deutlich und legt dar, warum der Rezensent zu dieser Erkenntnis gelangte. In der Echokammer des Lobes hat er mithin nichts zu suchen.

Als ich in den nächsten Tagen wieder meine Bekannte traf, erzählte ich ihr davon, und bestellte endlich einen Hering. Sie riet zu Erregungsökonomie und hielt es für besser, kein weiteres Wort mehr über dieses Buch und über dieses Zitat zu verlieren und einfach einmal mehr mit den Schultern zu zucken. Ich stimmte ihr zu.

Doch die Literatur und die Literaturkritik und die Leser sind anderer Meinung und müssen anderer Meinung sein, und selbst der untreue Stoner hätte als Philologe auf das Bleistift-Schwert von Bulwer-Lytton zurückgreifen müssen, wenn er es ernst meinte mit seinen Prinzipien.

Das Zitieren aus meiner Besprechung unter den Pressestimmen, die das Buch unter die Leute bringen möchten, entwürdigt die Literatur, um die es geht. Denn auch ein schlechtes Buch verdient Aufrichtigkeit, es verdient, als das begriffen zu werden, was es ist und verdient die Gründe für die Einschätzung des Rezensenten oder der Rezensentin. Eine grundlose Hymne ist ebenso würdelos wie eine grundlose Vernichtung. Die kontextverschweigende Aufnahme eines Zitats aus einem Verriss in die Presse-Lobliste entwürdigt darüber hinaus die Institution der Literaturkritik, indem sie die Kategorien verwischt, die ohnehin bereits von der Publikationspolitik der Feuilletons aufgeweicht wurden, nämlich am liebsten würdigende Besprechungen zu bringen und die Verrisse möglichst kurz zu halten.

Auf dem Weg zum Ende dieser Politik steht übrigens die verheerende Möglichkeit, an der Länge einer Kritik die Qualität des besprochenen Werkes ablesen zu können und letztlich also das Lesen aller Besprechungen unnötig und das Schreiben solcher zur Beschäftigungsmaßnahme oder – ja – zur Fingerübung verkommen zu lassen; am Ende dieser Politik stehen nur noch Best-Of-Listen. Am schlechtesten kommt allerdings eine Gruppe weg, die für Verlage an vorderster Stelle stehen sollte: die Leserinnen und Leser, die auf falsche Fährte gelockt werden.

„Und wie geht’s jetzt weiter?“, fragte meine Bekannte.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich, „Kann ich als Kritiker nicht höchstens eine weitere Kritik verfassen? Aber ist die Kritik eines Eigenzitats, das aus dem Kontext gefallen ist, nicht ein seltsames Spiel mit Spiegeln, für das man doch einen arg verrenkten Hals braucht?“

Meine Bekannte hatte keine Antworten auf meine Fragen. Aber vielleicht hatte sie ja der Hering, der mir jetzt endlich serviert wurde.

Kurz nach Verfassen dieses Textes kontaktierte mich das sehr sympathische Personal der Presseabteilung von dtv mit einer äußerst freundlichen Nachricht und entfernte mein Zitat von der Webseite. Dafür und für die Dialogbereitschaft danke ich sehr herzlich. Meine Bekannte, der ich davon erzählte, meinte, dieser Text sei nun wertlos und ich solle ihn von meinem Blog entfernen. Auch wolle sie in meinem Text nicht zitiert werden.