Ouverture | Eigensache

Lesen bedeutet Lieben mit Worten – und auch das Schreiben, besonders das Schreiben über Literatur, ist wie ein lustvolles Hinschmiegen durch Sätze, Worte, Zeichen. Diese Reihe der Wilmvorlesungen wurde begonnen als Experiment und wird als Experiment weitergeführt, in Worten, lesend und schreibend, aber anders, neu. Schreibend über Literatur begaben sich diese monatlichen Texte in Dialog mit den Texten, die sie reflektierten, interpretierten, sich ihnen zuwandten und von ihnen abschweiften, und jeder Text trat durch den Monatsrahmen in ein imaginäres Liebesgespräch mit dem jeweils anderen Text: Ulf Erdmann Ziegler mit Peter Handke, Friederike Mayröcker mit Friederike Mayröcker, César Aira mit César Aira, James Baldwin mit Ror Wolf. Schreibt man, so redet eigentlich immer die Literatur, und eigentlich redet immer die Literatur mit anderer Literatur.

Besonders die Gattungsgrenzen sollten hier immer wieder aufgebrochen werden. Im kommenden Jahr werden die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nun ganz unter sich sein, und die Gattungsgrenzen werden weiter unterhöhlt und aufgelöst werden, so dass ein Entkommen des Denkens möglich wird; in den Blick genommen werden die Genrezäune zwischen Lyrik und Prosa. So werden anstatt 24 Essays im letzten Jahr nun im gerade angebrochenen Jahr 12 Essays entstehen, eines für jeden Mond. Im Zentrum, am Zenit, werden dieses Jahr jene glücklichen Janusgeschöpfe der Literaturgeschichte stehen, die durch die Felder der Lyrik gehen wie durch die Weiten der Prosa. Zunächst soll sich immer einem Gedichtband angenähert werden, auf den im nächsten Monat eine Annäherungen eines Prosabandes des selben Schriftstellers, der selben Autorin folgen wird. Hermetik im Zweischritt. Und im nächsten Jahr macht man alles neu, wenn nicht alles schon alt ist. Und dann wird man sehen, dass die Literatur das zeitlose Kind ist, das sich selbst lesen lernt, immer wieder neu.

Mit Dank an die Leser des letzten Jahres, an die Literatur, an die Leser der Literatur, an die Liebenden in Worten.

JAN WILM