Okt 2015 | Atticus Lish

Atticus Lish, Vorbereitung auf das nächste Leben.

Man geht in Gedanken einen Weg entlang und trifft plötzlich auf eine Wand. Die Vorstellungsmöglichkeiten sind verstellt, sie verengen sich, es verkrampft der Geist, dort will ich nicht hin. Eine unsichtbare Trennlinie scheint die Menschenvorstellung daran zu hindern, sich in gewisse Menschen hineinzuimaginieren, Kinderschänder, Vergewaltiger, Mörder. Die scheinbar unendliche, seelengroße Reichweite der Vorstellung schlägt an ihre Grenzen, wenn sie in die Sackgasse der größten Unmenschlichkeit führt, oder sie nutzt die Kraft des Geistes, aus dem sie kommt, sich den letzten Vorstellungen zu verweigern. Die Literatur – die Kunst im Allgemeinen – befindet sich hier in schwieriger Lage. Wie wird es möglich sein, auf das Material der Welt, aus der heraus die Literatur mit den Weltmitteln, mit dem Weltmaterial,  die Welt verändert – wie wird es möglich sein, auf die Welt mit Verweigerung zu reagieren, ohne ins Schweigen zu verfallen?

Jean Amérys Frage, ob es möglich ist, auf die Schreckensmöglichkeiten des menschlichen Geistes sprachlich zu reagieren, wie er sie im Kontext der Niederungen und Folterungen und Tötungen von Auschwitz in Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten (1966) stellte, die Frage gewinnt nicht nur dann Brisanz, wenn sie im Kontext der harten Realität gestellt wird, sondern auch – und vielleicht besonders – im Kontext der Fiktion. Vielleicht ist alles, was wir uns ausdenken können, wahr, wie Tom Waits meinte – Fiktion gibt es nicht. Die Dichtung stellt etwas in die Welt, und es gibt keine Szene der Beschreibung, sondern immer nur Szenen des Erschaffens. Das Schreiben von Folter bringt Folter in die Welt, auch die fiktive Folter, fiktive Folter gibt es nicht. Leid ist Leid, ob auf der Straße oder in einem Roman. Der Schriftsteller, der die Qualen an einer Figur schildert, ist in der paradoxen Situation, nicht nur die Qualen an einer Figur zu schildern, sondern die Qualen an einem Menschen. Welchen Weg wählt man? Den Versuch der realistischen Schilderung, eine journalistische Reportage, die sachlich erzählt, wie der Kontakt zwischen zwei Lebewesen eine Explosion an Leid in die Welt hinein bedeutet? Den Versuch des Auslassens, des bewussten Verzichts der Schilderung? Wäre das nicht Schweigen? Der Schriftsteller ist in der prekären Lage, die sich an zwei Verpflichtungen richtet, an die Pflicht des Erzählens, die Verpflichtung an die Literatur, eine Atmosphäre, eine Verdichtung zu entwerfen, die das Erzählte erfahrbar, erlebbar macht. Andererseits ist der Schriftsteller vielleicht der Wahrheit verpflichtet (oder einer Idee der Wahrheit, falls es Wahrheiten gar nicht – nicht mehr? – gibt), wenn auch nur auf diffuse Weise verpflichtet, aber all jenen verpflichtet in jedem Fall, die unter ähnlichen Qualen litten und leiden. Letztlich der Versuch, die Qual, den Schmerz zu fiktionalisieren und sich somit dem oben erwähnten Problem zu stellen, Foltermöglichkeiten in die Welt gebracht zu haben, Leid entworfen, Qual erschaffen zu haben, vielleicht sogar eine Anleitung des Leidens aufgezeigt zu haben, wenngleich dies vielleicht das geringste Problem ist, vielleicht aber auch nicht, denn es genügt nicht, sich zu belügen, unter den größten Schergen der Weltgeschichte seien keine Leser.

Diese langen Worte nicht als Wegbeschreibung auf eine Lösung zu, sondern als Absteckung eines moralischen Dilemmafeldes, in dessen Grenzen die Literatur zuweilen operieren muss.

In dem beeindruckenden Debutroman Vorbereitung auf das nächste Leben des Amerikaners Atticus Lish wird man in eine Szene geführt, die mit infernalischer Langsamkeit ein Unbehagen von beinahe danktesker Grausamkeit aufbaut. Diese Szene führt den Leser in eine solche Hölle aus unnötiger Gewalt – gibt es nötige Gewalt? – und auf eine so erschütternde Weise, dass man als Leser geneigt sein mag, das Buch mit einem donnernden Nein an die Wand zu werfen, aber die Wirkmacht der Szene zum Beispiel neben die Ermordung Agamemnons in der Orestie von Aischylos zu stellen. Wie in allen großen Werken der Literatur finden diese Empfindungen in einer gefährlichen Gleichzeitigkeit statt, man bewundert die Kraft der Kunst und erschaudert über sie im selben Moment, in der selben Bewegung des Gefühls.

Atticus Lishs Roman erzählt die Liebesgeschichte zweier ungleicher Menschen. Das ist nichts Neues, alle Menschen sind ungleich, denselben Menschen gibt es nicht zwei Mal, deshalb gibt es Liebe, deshalb gibt es Literatur. Wie immer ist es das Wie, nicht, oder nicht nur, das Was. Wie kommen zwei Menschen zueinander? Die zwei Menschen, deren Geschichten der Roman entwickelt, sind Zou Lei, eine illegale Einwanderin aus China in die USA, die bereits in ihrer Heimat zu einer Minderheit gehörte, zu den muslimischen Uiguren, und die in der chinesischen Diaspora New Yorks in ein kompliziertes und diskriminierendes Kastensystem  chinesischer Einwanderer gerät, in dem die Uiguren auf eine der niedrigsten Stufen gedrängt sind. Zou Lei spürt, wie sie unter der Belegschaft eines Imbissrestaurants Schikanen und Marginalisierungen ausgesetzt ist, die nicht nur psychologische, sondern auch materielle Unterdrückungen für sie bedeuten, da sie beispielsweise nicht die gut bezahlten Schichten zugeteilt bekommt. Zou Leis Geschichte wird neben die Geschichte von Brad Skinner gestellt, ein 23-jähriger Ex-Marine, der, nach drei Kampfeinsätzen im Irak zurück in den USA, versucht, zurück in die Welt zu finden. Ebenfalls ein Außenseiter, ein Held des Landes, an den Rand der Gesellschaft geschoben, ein Gebeutelter für den modernen Imperialismus, ein gebrochener, raumloser und traumloser junger Mann mit zerstörter Psyche, beschrieben mit dem Euphemismus der Posttraumatischen Belastungsstörung, als wäre ein Trauma ein Zeitpunkt, keine Zeitspanne. Vor dem Krieg – seine Hoffnung auf Frieden die größte Menschenlüge – gibt es für diesen jungen Mann kein Entkommen mehr, die Welt, das Dasein, das Leben, sie sind Krieg: „Und er schaute durch die Nacht und fühlte sich wie im Krieg, und die Freiheit, für die er stand, würde dort beginnen, wo sein Blickfeld endete, in einem anderen Vorort der Stadt.“

Was aber, wenn aus der Stadt, hinter der die Freiheit liegt, kein Entkommen ist, wenn die Wege vorgezeichnet sind und das Trauma in der Erinnerung der massivste Beschleuniger auf diesen Wegen? Der Roman zeichnet beeindruckend die Wege der beiden Figuren nach, wie sie auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, sich in die amerikanische Gesellschaft zu schrauben und wie es ihnen kaum gelingt. Ihr Außenseitertum zeigt uns mehr und mehr, dass es ihnen kaum gelingen kann, weil die Ordnung dieser Gesellschaft so konstituiert scheint, dass wir hier eine Gesellschaft vorfinden, die nicht einmal mehr versucht, die Ränder mitzudenken, an denen Menschen leben müssen, eine Gesellschaft, die nur noch versucht, sich zu einer Mitte auszuglätten, in denen alles verschmolzen, also eigentlich alles übergangen ist. Der Roman hingegen wendet sich mit Empfindsamkeit und ungeheurem Sinn fürs Detail den Rändern, den Kanten dieser Gesellschaft zu. Dabei nimmt Lishs immer leicht ausscherende Erzählperspektive oftmals Blicke ein, durch die man in der Literatur äußerst selten eine Ansicht auf die Welt bekommt. Es geschieht dies zwar auch durch die beiden Hauptfiguren, die bald zu Liebenden werden, aber am eindringlichsten wirkt es durch die Nähe zu den Murphys, einer Familie in der Sackgasse der Gesellschaft, fettleibig, alkoholkrank, arbeitslos und nicht ohne eine Geschichte von Gefängnisaufenthalten erzählbar. Lishs Roman dringt langsam und mit behutsamem Blick in die Welt der Murphys vor, wenn Brad Skinner eine kleine Wohnung im Haus der Murphys zur Untermiete bezieht. Langsam mischt sich besonders das Leben des fremdenfeindlichen und kriminellen Sohnes Jimmy in die Beziehung der Liebenden, auf eine leise, aber beunruhigende Art. Was aus dieser Mischung schließlich wird, ist die vielleicht eindrucksvollste Tragödie unserer Gegenwart.

Lish findet für das harte Leben einer chinesischen Einwanderin, gezeichnet von endlosen Arbeitstagen und einem Privatleben ohne Persönlichkeit und Intimität in einer Immigrantenwohnung, und für das ignorierte Leben eines Ex-Soldaten, dessen entmenschende Erinnerungen an den Krieg so groß sind, dass er ohne Alkohol nicht durch den Tag kommt und ohne Medikamente nicht durch die Nacht – Lish findet den exakten Ton und die passende Form für zwei fremdähnliche Geschichten.

So ist dieser Roman der detaillierte Gegenentwurf zu allen herrschenden Narrativen, die sich nicht vorwagen in die Abgründe der Menschen zu schauen, sind sie nun Opfer oder Täter, und die sich nicht vorwagen in die hintersten Ecken und dunkelsten Zimmer von Queens in New York und von der Welt über ihre Grenzen hinaus.

Es ist ein Buch voller Gewalt, und trotzdem gibt es Zartheit, Gefühl, Hoffnung, vielleicht sogar Liebe, es gibt heroische Gesten neben erbarmungsloser Vernichtung, und Lish lässt sich bei alledem Zeit. Durch seine bald nüchterne, bald lyrische Klarheit der Sprache („Die Gebäude waren ineinandergeschachtelt wie Bücher in einem überfüllten Regal.“), seinen unaufdringlichen Stil, der sich langsam entfaltet, entgeht dieser Roman einem konstruiert wirkenden Handlungsverlauf. Es ist, als schaue und höre man diesen Menschen einfach zu und als folge man ihnen so hilflos, wie sie selbst dem Fortlaufen der Zeit folgen: „Sie spürte, wie ihr Gesicht in seiner Gegenwart älter wurde, die Linien um ihren Mund tiefer.“

In einigen Besprechungen wurde Lish kritisiert, die berühmte Tschechow’sche Pistole, die im ersten Akt gezeigt wird, um im letzten abgefeuert zu werden, eben im ersten Akt zu zeigen, nur um sie im letzten abzufeuern. Nur zwei Dinge. Erstens: wäre die Pistole nur im letzten Akt gezeigt worden, hätte man Lish dafür kritisiert, dass das alles viel zu überraschend kommt. Zweitens: Menschen, die Pistolen abfeuern, in welchem Akt auch immer, haben sie davor in der Regel auch schon einmal in der Hand. Können wir uns also bitte auf Wichtigeres konzentrieren, zum Beispiel dass dies eines der wichtigsten Bücher dieses Jahres ist?

JAN WILM

Atticus Lish, Vorbereitung auf das nächste Leben, aus dem Amerikanischen von Michael Kellner Hamburg: Arche Verlag, 2015, 544 S., gebunden, 24,99 €. Bestellen.