Nov 2015 | J. M. Coetzee

J. M. Coetzee, Leben und Zeit des Michael K.

Noch bevor sein dritter Roman, Warten auf die Barbaren (Waiting for the Barbarians) 1980 publiziert wurde, der ihn über die Grenzen Südafrikas bei einem internationalen Lesepublikum bekannt machen würde, beginnt J. M. Coetzee an der Arbeit zum Roman Leben und Zeit des Michael K. (Life & Times of Michael K), der 1983 erscheinen würde und ihm seinen ersten von zwei Booker-Preisen bescheren würde (den zweiten erhielt er 1999 für Schande [Disgrace]).

Auf eine lange, langsame Suche scheint sich Coetzee begeben zu haben, um eine Geschichte zu schreiben, die ihren Ausgangspunkt in einer Umwandlung der Kleist’schen Michael Kohlhaas-Erzählung nahm. Die Initialen von Kleists Rebellen sind gewiss bis ins publizierte Werk konserviert geblieben; schreibend aber hat sich Coetzee immer weiter von dem Kleist-Gerüst entfernt. Wo Kohlhaas aggressiv ist, ist K zurückhaltend, wo Kleists Michael impulsiv ist, ist Coetzees Michael passiv.

So mag er einigen Protagonisten des Coetzee-Kosmos sehr ähneln, Figuren, die durch Leben und Zeit schleichen, stets beobachtend, zurückhaltend und doch immer auch teilhabend, aber auf eigene Weise teilhabend, auf gelassene Weise, die durch ihre Gelassenheit existenzielles wie politisches Potenzial entfalten kann. Michael K ist eine vollkommen singuläre Figur, kein Vergleich scheint an ihn heranzureichen, obschon im Roman immer wieder Versuche unternommen werden, ihn mit Tieren, gar mit Pflanzen in Verbindung zu setzen. Gleichzeitig scheint er sich immer zu entziehen, immer der Welt und der Zeit zu entwischen, er ist „ein großer Fluchtkünstler“.

Romane sollte man nicht nacherzählen. Zu sehr ist ihre Handlung abhängig von ihrer Sprache, gebunden an die Einbettung in eine Ästhetik, die reproduzierbar nur an Form und so auch an Inhalt verlieren kann. Leben und Zeit des Michael K. erzählt die zunächst unscheinbar wirkende Geschichte eines vielleicht geistig behinderten, mit einer Hasenscharte geborenen Mannes in einem Südafrika, das von allegorischen Tendenzen unterlaufen wirkt, bald realistisch, bald auf eine unheimliche Weise verwandelt, wie die leeren Landschaften mancher Filme von Antonioni, mancher Filme von Bergman. Der Roman beginnt in üblicher Bildungsroman-Manier, wie sie der Titel verspricht, mit der Geburt Michaels, aber er verlässt diesen bewährten, realistischen Modus schon sehr rasch, nicht nur, indem die gewohnte Entwicklung des Protagonisten während Lehr- und/oder Wanderjahren auszubleiben scheint. Zu Beginn des Romans, als ein unbestimmter Bürgerkrieg Kapstadt ergriffen hat, plant Michael K mit seiner schwer kranken Mutter die Stadt zu verlassen. Weil seine Mutter kaum noch selbst gehen kann, beschließt er, einen Wagen zu zimmern, halb Schubkarren, halb Riksha, und darauf wird er sie aus der Stadt und aufs Land bringen, in ein Farmhaus in der Karoo-Wüste, wo sie als junge Frau den Dienst einer Haushälterin erfüllt hatte, wo Erinnerungen in Zeiten des Krieges vielleicht noch ein Ort des Schutzes sein können. Pläne werden erfüllt oder scheitern.

Zum erfolgreichen Abschluss der Reise wird es nicht kommen. Aus der Reise zu zweit wird Einsamkeit. K muss alleine weiter, die Reise wird immer behäbiger, ungewisser; ein zu Beginn des Romans anklingender pikarischer Zug weicht Kargheit und Leere. K landet in verschiedenen Gefangenen- und Arbeitslagern, bis er entkommen kann und schließlich auch ein verlassenes Farmhaus findet, das ihm eine Weile lang als Versteck dient. Ob es das Farmhaus ist, in dessen Räumen seine Mutter in anderen Zeiten einst ihrem jungen Leben nachging, bleibt ungewiss. Der Roman nimmt eine weitere, vollkommen unerwartete Wende, als K das Farmhaus verlässt und sich ein Versteck, ein eigenes Haus, in der Erde baut, ein Erdloch, das er mit größter Sorgfalt und maulwurfgleich errichten wird – bis man ihn entdeckt.

Coetzees Romane sind immer geprägt von mutigen Wendungen und unerwarteten Szenen, die so ungeheuerlich eigen scheinen, dass sie in anderen Romanen klischiert, fehl am Platz oder überzogen wirken könnten. Zum Glück aber schreibt Coetzee nicht die Romane anderer Leute, sondern seine eigenen, und seine fein geschliffene Prosa ist es, seine Sprache ist es, die den ganz ungewöhnlichen Inhalten eine Einbettung gibt, die sie zu eindringlichen, unvergesslichen Leseerlebnissen macht.

Die Erfahrung mit einem Roman wie Leben und Zeit des Michael K. ist ein behutsames Eintauchen in eine Fremde, in das Leben und die Gedanken eines fremden Menschen, dessen Gedanken und dessen Leben fremd bleiben müssen; ein Versenken in einer fremden Landschaft, deren Konturen gewohnten Landschaften gleichen und sie doch immer überhöhen oder unterminieren, als wäre die Wirklichkeit für einen Moment durchgeschüttelt worden und die Komponenten einer Welt hätten sich neu und fremd angeordnet. „Ich bin nicht, was ihr denkt“, sagt K einmal zu fremden Menschen, die ihn aus dem Schlaf wecken, aber auf anderer Ebene könnte er hier ebenso zu seinen Lesern sprechen, als bemerke er manchmal, dass wir da sind, wie Muriel Sparks Caroline Rose von uns weiß. K ist ein einsamer Mensch. „Am wohlsten fühlte er sich, wenn er alleine war.“ Auf eine andere Weise gibt es keine einsamen Romanfiguren. Selbst jene, die aus einem Vakuum in die Leere sprechen, werden von ihren Lesern gehört. Ungelesene Romane gibt es nicht. Michael K ist ein Einsamer, der nicht alleine ist, und wenn er in seinem Erdloch liegt und für einen Moment lang etwas verspürt, was andere Menschen vielleicht Zufriedenheit oder Glück nennen mögen, dann sind auch Ks Leser bei ihm und teilen seine Einsamkeit. In diesen Momenten scheint der Roman mit der Fluidität der Zeit zu spielen, zu fragen, wie lange K in diesem Erdloch ausharrt, wie die Zeit um ihn herum verfliegt oder sich sirupartig in der Welt absetzt. In seinem Erdloch, das er sein „Haus“ nennt, findet K auf eigene Weise zu K:

Er war er selber, lag in seinem Haus, der Rost war lediglich Rost, alles, was sich bewegte, war Zeit, die ihn in ihrem Fließen dahintrug. Ein oder zweimal brachte sich ihm die andere Zeit, in welcher der Krieg seine Existenz hatte, in Erinnerung, als Düsenjäger hoch über ihm hinwegzischten. Doch im übrigen lebte er jenseits von Kalender und Uhr in einer gesegnet vernachlässigten Ecke, halb wachend, halb schlafend.

Michael Ks Leben ist eines, das einen Entwurf schafft, außerhalb der Zeiten zu leben und die Frage zu öffnen, ob dies eine wirkliche Möglichkeit ist, die in der Wirklichkeit der Welt gegeben sein kann, oder ob sie nur in der Literatur für einen Moment lang wirklich imaginierbar wird. Coetzees Roman ist eine behutsam erzählte Geschichte, bald allegorisch, bald politisch verortbar, ein Roman, der auf brillanteste Weise die Tiefe und Weite der Literatur inszeniert, ohne darüber direkt ein Wort zu verlieren. So ist Leben und Zeit des Michael K. eine frühe Kulmination der eigensinnigen, eindringlichen Kunst des J. M. Coetzee.

Dabei ist der deutsche Titel dieser guten Übersetzung von Wulf Teichmann ein winziges Unglück, was ihn nicht weniger zum Unglück macht: Das Kaufmanns-Und steht im Englischen wie ein fremder, gleichzeitig trennender und vereinender Schnörkel zwischen Leben und Zeiten; und es sind Zeiten, es ist nicht Zeit, es sind verschiedene Zeiten, in denen er lebt, dieser Michael, die er durchschreitet; und der an Kafkas Protagonisten erinnernde Punkt nach Ks Name ist bedauerlich, weil er Abgeschlossenheit aufdrängt, wo Offenheit impliziert ist. Das Leben und die Zeiten eines Menschen sind nicht eingefasst von Satzzeichen. Auch das scheint in der subtilen Ästhetik Coetzees angedeutet. Denn für die Dauer dieses Romans lebt Michael K, nach dessen Geburt wir ihn kennen lernen und lange vor dessen Tod wir ihn wieder verlassen, für alle Zeiten.

JAN WILM

J. M. Coetzee, Leben und Zeit des Michael K., aus dem Englischen von Wulf Teichmann, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1997, 224 S., Broschur, 8,90 €. Bestellen.