Nov 2015 | Henning Ahrens

Henning Ahrens, Glantz und Gloria.

Bevor die Geschichte überhaupt in Fahrt kommen kann, zieht uns Henning Ahrens in seinem Roman Glantz und Gloria schon das erste Mal den Boden unter den Füßen weg. Denn man trifft auf einen kurzen, fast ganz quadratisch typographierten Paragraphen, der die folgende Geschichte rahmt:

Mein Name ist Rock Oldekop, und ich nehme keine Drogen, und diese Story ist so falsch wie eine Lüge wahr ist, und sollten Sie wider Erwarten ein Fan von Strandkorbprosa sein, dann rate ich freundlichst zu einem Thriller, der Ihnen die Katastrophe à la mode serviert und den Sie obendrein in Ihrer Roggenkohlküche konsumieren können, während Sie den Tofu mit Ihrem Kenyo von Meister Hirokazu in hauchdünne Scheiben schneiden, denn wie gesagt: Mein Name ist Rock Oldekop. Ich kotze Rauch. Und rotze Feuer. Und dies. Ist eine Story. Wie man sie seinen Enkeln. Im Schein. Des brennenden Wohnzimmers erzählt.

Eine Art Gründungsmythos der Geschichte, und eine kondensierte, dicht verschlossene Nuss, in der sich die Sprachhexenkunst des Henning Ahrens kristallisiert befindet – nur knacken kann man sie nicht, dann geht sie kaputt. So halten wir uns zurück mit den Nussknackern der Interpretation und versuchen uns mit empfindender Beschreibung diesem Roman zu nähern.

Rock Oldekop erzählt uns von einigen Momenten seines Lebens, als er fünfundvierzigjährig an einen Ort namens Glantz, im Mittelgebirge Düster, zurückkehrt, und sogleich erkennt man, es ist ganz und gar unmöglich, eine Geschichte zu erzählen, ohne sich auch gleichzeitig in andere Momente hineinzuerzählen, zum Beispiel in die Kindheit dieses Rock Oldekop, der eigentlich einen Kaisernamen hatte, nämlich Karl-Otto. Aber nicht nur deshalb war diese Kindheit schwer. Denn Rocks Rückkehr nach Glantz ist einem Sog in jene Momente der Kindheit geschuldet, da seine Eltern bei einem Brand ums Leben kamen.

Das spätere Fortgehen aus Glantz wird implizit als Befreiung nicht nur von dieser Tragödie der Kindheit – Rock war damals gerade erst fünf – verstanden, sondern auch als Befreiung der Engstirn-Provinz, die Glantz war und geblieben ist. Doch man entkommt sich nicht, und so ist die Rückkehr Rocks nur das Deutlichwerden des Sogs ins Frühere, der immer schon latent war: „Meine Kindheit zerstob in einer Nacht.“ Und was man früh verliert, bleibt meist für immer im Gedächtnis: „Jahre verstreichen, die Erinnerung bleibt.“ Und verliert man einen Menschen, verliert man immer noch einmal all die Menschen, die man früher verloren hat. So ist es der Verlust einer Frau, der ihn zu dieser Vergangenheitserforschung antreibt.

Ahrens’ Erzählkunst ist raffiniert und klug und dabei immer andeutender als auserzählender, und so bleibt die jetzige Motivation für diese Rückkehr nach Glantz eine halbe Leerstelle, die der Leser gleichzeitig für empfindbar und erklärlich, aber nicht für auspsychologisiert und ausbuchstabiert hält. Man weiß, was man tut, auch wenn man es sich überhaupt nicht erklären kann.

Das Glantz, das Rock vorfindet, ist eine deutsche Provinz, die einen um den Schlaf bringt – „die Geisterbahn namens Glantz“ –, ein mit rechtem Gedankengut (Gedankenschlecht!) siedender Kessel, in dem ganz und gar nichts glänzt. Dreckig ist das Dorf, und abends muss sich Rock immer den Staub des Tages vom Körper duschen. Ahrens’ Roman entwirft ein Dorf, in dem sich reaktionäre Deutschtümelei und widerständige Militanz gegenüberstehen, am Beispiel einer expansionswütigen Schweinemastindustrie und einem standhaften, radikalen Vegetarier namens Landauer, der sich der Expansion in den Weg stellt. An der Figur des Landauer gelingt es dem Roman anzudeuten, wie die Provinz auch die kleinste Abweichung im Denken abstraft und immer die Keule der Herkunft schleudert, um ihre konservativen Ideologien zu verteidigen, denn Landauer ist ein Zugezogener, kein Wunder, dass der ganz anders denkt.

Ahrens’ erste Romane Lauf Jäger Lauf und Langsamer Walzer collagierten ihre Settings aus verschiedensten Wirklichkeitsorten, während der Roman Tiertage erstmals ein konkreteres, realistisches Setting in der Provinz entwarf. In Glantz und Gloria verbindet Ahrens gekonnt die Collagetechnik mit der provinziellen Wirklichkeit Deutschlands, und so gelingt es ihm eine parabelhaft wirkende Geschichte zu erzählen, die wie eine Folie über die düsteren Seiten der Republik gelegt werden kann.

Henning Ahrens begann als Lyriker und verfasst bis heute neben seinen Romanen und zahlreichen Übersetzungen aus dem Englischen weiterhin Gedichte (seine Sammlung von neuen und alten Gedichten Kein Schlaf in Sicht ist unbedingt zur Lektüre empfohlen) – und wie in der Lyrik verläuft es auch in Ahrens’ Romanen: Die Sprache macht die Musik. Die Sprache selbst ist es, die eine Welt erschafft, anstatt nur eine Welt zu beschreiben. So hat man beim Lesen eines Romans von diesem wunderbaren Autor immer das Gefühl, die Welt beuge sich den Regeln der Sprache, und nicht umgekehrt – warum auch?

Auf vielfache Weise nimmt Ahrens die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache auseinander und setzt sie auf seine Weise wieder zusammen. Seine Weise meint hier nicht nur eine der vielleicht komischsten und lyrischsten Prosastile, die man in der deutschen Gegenwartsliteratur kennen lernen kann, nein seine Weise meint auch noch die herrlichen Collagen, mit denen der Autor den Roman illustriert. „Die Wirklichkeit ist eine Mauer. Die meisten nehmen sie erst wahr, wenn sie sich eine blutige Nase holen.“ So scheint es von ästhetischer und existenzieller Wichtigkeit, diese Wirklichkeit einmal gehörig zu zerschneiden und wieder neu zusammenzukleben.

Was das ganze Gehabe um Wirklichkeit und Fiktion dabei mit der Gloria des Titels zu tun hat, sollte man in diesem köstlichen Roman selbst herausfinden, indem man sich mit Rock auf die Reise nach Glantz begibt und lauscht, wenn Gloria erzählt, wer sie ist: „,Ich …‘ – sie zwinkerte mir über die Schulter zu – ,… bin der Beginn eines Romans, der auf einer wahren Begebenheit beruht.‘“

JAN WILM

Henning Ahrens, Glantz und Gloria, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2015, 176 S., Broschur, 18,99 €. Bestellen.