Neun | André Breton

André Breton, Der weißhaarige Revolver.

„Über mir unter mir hinter mir gibt es weniger als in mir“, schreibt irgendwann der Dichter. Oder es schreibt etwas in ihm, es schreibt etwas aus ihm heraus. Es schreibt sich etwas in die Sprache hinein und dort ist es dann mehr als der Dichter selbst. Wer schreibt, ist ein anderer. Zwischen dem Geist, der die Sprache denkt und der Hand, die die Sprache schreibt, liegt eine ganze Welt. Jeder Schreibende weiß das, doch eine Reihe von Schreibenden in der ersten Jahrhunderthälfte des letzten Jahrhunderts versuchten sich wahrlich in dieser Welt einzurichten, in ihr zu leben, in dieser Welt zwischen Kopf und Hand, in der Falte des Unbewussten, des Vorrationalen, in einer Welt, die die reine Freiheit der Kunst bedeutete: Die Surrealisten.

Der Surrealismus ist zunächst eine französische Affäre. Der Begriff, von Guillaume Apollinaire erfunden, wird bald von André Breton in einer Reihe programmatischer Texte manifestiert, allen voran das Erste Manifest des Surrealismus (1924). Angetrieben durch die Theorien von Karl Marx und Sigmund Freud versuchte Breton, die Rationalität des Geistes durch eine Automatisierung der Kreativprozesse zu durchbrechen. (Dass all das im Sinne der Revolution geschieht, versteht sich von selbst.) Gegen den Realismus und für die Kindheit – die Künstlerinnen und Künstler in die Lage bringen, nicht nur alles zu suchen, wie es die Romantiker forderten, sondern alles zu dürfen, nichts beschreiben, nichts abbilden zu müssen, wie ein Kind niemals vom Spielen reingerufen zu werden. Das war das ehrenwerte und nicht ungefährliche Spiel des André Breton, wusste er gewiss, seine regellose Zügellosigkeit im Kreativen könne ebenso umsäuern in eine zügellose Regellosigkeit der Gewalt im Realen: „Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen.“ Wie alles Avantgardistische ist der Surrealismus ohne Gewalt nicht zu denken, und so erscheinen diese Worte auch als eine Art Warnung gleich zu Beginn, allerdings erst im Zweiten Manifest des Surrealismus (1930).

„Dem Mensch wurde die Sprache gegeben, damit er einen surrealistischen Gebrauch davon mache.“ So schreibt Breton in seinem ersten, unschuldigeren Manifest, das belebt ist von einem Aufbruch, von Humor und Spiel, während das zweite schon dabei ist, selbst Ideologie zu werden und er es allzu sehr dafür nutzt, Rechnungen mit abtrünnigen Surrealisten zu begleichen („Der Surrealismus erlaubt denen, die sich ihm widmen, nicht, ihn fallenzulassen, wenn es ihnen gefällt.“). Im ersten Manifest überstrahlt seine „vorbehaltlose Sprache“ und das rigorose und doch spielerische Festhalten am Ideal einer künstlerischen Freiheit, der Überwindung des Absehbaren, des Geplanten, das immer nach stupid-monotoner Bürgerlichkeit schmeckt.

In seinen frühen, noch vor dem ersten Manifest erschienenen, Gedichtbänden – Leihhaus (1919) und Erdschein (1923) – kann man Bretons Surrealismus bewundern, noch bevor er im Jahr nach Erdschein definiert wird: „Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits von ästhetischer oder ethischer Überlegung.“

Sind die ersten Gedichtbände häufig auch affektiert und gezwungen, ist man Anwesender bei der Formierung einer Sprachrevolution, die eine Leserevolution bedeuten muss, auch noch bald einhundert Jahre nach Drucklegung. Lesen ist Schreiben in anderer Richtung. So ist man surrealistischer Zeuge bei der Entwicklung der Breton’schen Surreal-Schreibe, welche „die niederschmetternde Podestpoesie“ zu stürzen in der Lage sein wird. Bretons erster Gedichtband stellt eine Suche dar, nach Freiheit und dem das Leben durchwürzenden Wahnsinn. Breton findet ihn, wie sein Freund Pierre Reverdy und in Huldigung des Säulenheiligen der Surrealisten Pierre Lautréamont, der in seinem blutgeifernden Teufelsbuch Maldoror (1874) den Schatten wirft, den die Surrealisten ausmalen werden – Breton findet die freie Assoziation, die zusammenhanglose Kombinatorik einer bildlichen (und bildenden) Sprache, zum Beispiel: „Ein Kotelett verwelkt“; oder die an eine französische Redensart erinnernde Wendung „löse ich die Kresse von ihrem Brief“.

Im zweiten Band findet man einen Dichter, der gerade dabei ist zu finden, was seine Sprache ist, sein Sujet. In Traum-Gedichten entwirft er eine vollkommen gegenwärtige und zeitgenössische Lyrik, die sich in die Zukunft katapultiert, die den mondfarbenen Diktaten des Traumes lauscht und versucht festzuhalten ohne nachzubilden. Der Realismus ist ein Modus der Kunst, der der Vergangenheit nachhängt, der nachbildet, der erinnert, der spiegeln will. Bretons Surrealismus ist eine Kunst der reinen Gegenwart, die immer im Entstehen ist, die sich organisch fortwälzt, als Ideal durch alle Spiegel stürzend, um aus dem Nichts das Neue zu schöpfen, als wäre jedes Wort eine eigene Welt: „Das Leben als Gegenwart und nur als Gegenwart“. Bald vermengt Breton seine zerstörerische Avantgarde mit einem empfindsam traumlyrischen Eigensinn, der beglückend ist: „Das Kind blies die Blumen der Lauge wie Kerzen aus und überzeugte sich von der Langsamkeit des Lebens.“ Man möchte stillstehen in diesen Bildern und sie sich auf den Leseaugen zergehen lassen, als wären die Pupillen Zungen: „In der anderen Welt die es nicht geben wird / Sehe ich dich weiß und elegant“. Und wieder seine lustvollen, unglaublichen Bilder: „Zu dieser Stunde da die Nacht ihre Lackstiefel anzieht um auszugehen“.

„So geschieht der Wille der Träume“. Dieser Wille der Träume scheint zur Kulmination zu gelangen in dem Gedichtband, der als Bewerber um den großartigsten Titel eines Buches gelten kann: Der weißhaarige Revolver, 1932 erschienen, vier Jahre also, bevor Meret Oppenheim Unter-, Obertasse und Löffel in Fell kleiden wird („Objet: Le déjeuner en fourrure“). Der Gedichtband ist alles, automatisierte Fingerübung, enthemmte Sprachgymnastik und surrealistisches Manifest mit anderen Mitteln, denn es ist hier, da es heißt: „Das Imaginäre ist das, was strebt, wirklich zu werden“. Jedes der versammelten Gedichte ist ein Beispiel dieses Imaginären, das Breton kühn zwischen Entstehen und Entstanden balanciert, indem er Motive anreißt und umdeutet, Ideen zu Kindheit und Freiheit umwälzt und abbricht und seine Sprache formieren und destruieren lässt, was das Zeug hält: „Niemals die Freiheit als um der Freiheit willen“. So entwirft er gleich in dem ersten Prosagedicht „Es wird einmal sein“ ein Ideal-Haus für Surrealisten, das umrissen und wieder eingerissen wird, nicht so sehr beschrieben als skizziert wird, eine geträumte Blaupause der Utopie: „Was ich vor allem hier verteidigen will, ist nur das Prinzip einer Vereinigung, deren Vorteile darin bestünden, den Geist in die poetisch günstigste Stellung zu bringen.“ So ist dieses Haus die Freiheit selbst, die Zerstörung von Ideologie, das Löschen der Regeln der Hemmung, der Gitterstäbe, die der verbildete Geist verinnerlicht hat: „Die Gitter sind im Inneren des Käfigs“. In einer Fußnote heißt es einmal: „Ein bißchen kindisch? Um so besser.“

Aus diesem Projekt entsteht Glänzendes, Lyrik, die fähig ist, „einen Berg der Langeweile nach dem anderen zu erschüttern“, ein Berg, aus dessen Innern man durchaus auch in der derzeit wieder durchrationalisierten Welt einiges an Bewaffnung abbauen könnte. „Der philosophische Schmetterling“; „Laubwiege“; „Rätselbäumchen“ – und weil es hier ist, dass Breton formuliert: „Über mir unter mir hinter mir gibt es weniger als in mir“, heißt es schließlich: „Ich werde in diesen Formen alles wiederfinden was ich verloren habe“. So geht es bei jedem Lesen dieses surrealen Großmeisters. Auch wenn dieses Lesen schwieriger geworden ist, sind sämtliche Gedichte Bretons doch in die Regale von Antiquariaten und Bibliotheken verbannt. Aber: Umso mehr Grund, dort wieder einmal vorbeizuschauen. Surrealisten aller Länder, vereinigt euch!

JAN WILM

André Breton, Der weißhaarige Revolver. Aus dem Französischen von Wolfgang Schmidt. Berlin: Edition Sirene, 1984, 161 S. Nur antiquarisch erhältlich.

André Breton, Die Manifeste des Surrealismus. Deutsch von Ruth Henry. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986, 144 S.