Maggie Nelson + Laurie Penny

Maggie Nelson, Die Argonauten. Laurie Penny, Bitch Doktrin.

Da Texte auch Vergleichsobjekte sind, steht jeder Text potenziell in Beziehung zu allen anderen Texte – die Textwüste wächst, das Gewurzel verzweigt sich.

Zwei Texte, die auf den ersten Blick dasselbe wollen, die Dekonstruktion der verhärteten Binarismen der Geschlechternormen und der normativen Kategorien im Allgemeinen sowie die Ermächtigung von Frauen und Minderheiten, dehnen sich im Vergleich voneinander fort. Maggie Nelsons Die Argonauten und Laurie Pennys Bitch Doktrin, beide 2017 auf Deutsch erschienen, unterscheiden sich besonders formell. Wo Pennys memoirisch geprägte, journalistische und essayistische Texte ideologisch sprechen und zur Ermächtigung aufrufen, sucht Nelson im memoirischen, fragmentarischen Erzählen ein Hintasten zu den kategorialen Verhärtungen, die in der Reflexion aufgebrochen werden können.

Die beiden Texte konturieren einander im Vergleich, und eine alte Frage bleibt bestehen und soll erneut gestellt sein: Im Angesicht der ernüchternden Erniedrigungsrhetorik der Radikaldiskurse, wo fängt unsere Suche nach der Sprache an, die uns weiterbringt und die Dinge, wie sie sind, wenn sie schlecht sind, tatsächlich so reflektiert, dass sie potenziell verbessert werden können? Wäre man ein doktrinärer Ideologe, würde man die Faust heben und rufen: Widersetzt euch den einfachen Antworten, feiert die Komplexität, stellt Fragen und hört auf die Antworten! Weil man aber nicht ideologisch und nicht doktrinär ist, entfaltet man die Faust und findet darin nur ein Fragezeichen, hingekringelt wie ein kleines Seepferdchen, ein Talisman. Aber das Fragezeichen genügt, vorerst.

Mehr über Maggie Nelson und Laurie Penny in Insa Wilkes Sendung Gutenbergs Welt (WDR3) vom 28.01.2018.

Maggie Nelson, Die Argonauten, aus dem Englischen von Jan Wilm, Berlin: Hanser Berlin, 2017. Bestellen.

Laurie Penny, Bitch Doktrin: Gender, Macht und Sehnsucht, aus dem Englischen von Anne Emmert, Hamburg: Edition Nautilus, 2017. Bestellen.