Maggie Nelson | Die Argonauten

Maggie Nelson, Die Argonauten.

In Roland Barthes’ über den Kategorien schwebendem Buch Über mich selbst schreibt der Autor an einer Stelle: „wie von jemandem sprechen, zu jemandem, den man liebt?“ Bräuchte man Bilder, so wäre die Adressierung eines anderen Menschen bestenfalls als Umarmung zu denken, im gewöhnlichen Fall aber ist sie nichts als ein Heranwinken, das längst schon auf sich selbst verweist, und im schlechtesten Fall ist sie ein Möbiusstreifen, der auch ohne das Gegenüber funktional, jedoch wenig freundlich ist und der schon gar nichts von der Süße des Fremden ins Eigene, ins Selbst, hineinzuspielen versucht.

Die Adressierung des anderen Menschen ist wie die Unruh, die das Uhrwerk des Memoirs Die Argonauten der amerikanischen Lyrikerin und Essayistin Maggie Nelson am Laufen hält. „Lernen, im Schreiben niemanden anzusprechen“, schreibt sie an einer Stelle des Buches, inmitten eines kleinen Fragments, das durchaus die Adressierung sucht. Denn Nelsons Buch ist durchflackert von Momenten der Ansprache, an ein wirkliches „Du“, das in der Sprache ihres Memoirs zu einem imaginären „Du“ wird, vielleicht sogar zu einem „Ich“. Dieses Du, dieses ich, mag die Leserin, der Leser sein, ursächlich aber ist es Harry – der Künstler Harry Dodge, Maggie Nelsons Lebenspartner, und in dieser Ansprache an Harry liegt ein Ausgangspunkt des Buches, eine „Ursache“.

Harry, der als Harriet geboren wurde, durchläuft im Laufe des Buches eine fluide Transformation, die seinem fluid gegenderten Leben entspricht. Gleichzeitig gleicht sich Maggies Leben im Falle der Verwandlung an Harrys Leben an, wenn sie eine Schwangerschaft und Geburt durchläuft. „2011, der Sommer unserer veränderten Körper. Ich im fünften Monat schwanger, du sechs Monate auf Testosteron.“ Mit einer fein gefrästen Sprache beschreibt Nelson den Fortgang der Beziehung sowie ihre gemeinsame Transformation, und sie durchstreut ihren Text mit Reflexionen und Intertexten zu den Themen Gender, Queerness, Feminismus, Mutterschaft, usw.

Allein, dieses Buch ist nicht allein ein Gender-Buch, ein Transgender-Buch, ein Queer-Buch, ein Mutterschafts-Buch – all das ist es freilich, nur nicht nur, sondern auch. Nelson, die einmal über sich log, sie besitze keine imaginäre Fähigkeit, sagte die Wahrheit, als sie meinte, sie versuche, die Gegebenheiten ihres Lebens und ihrer Erfahrung allein so exakt wie möglich in Sprache zu übersetzen. Mithin ist die Sprache ein Reflexionskern des Buches, der mit Verweisen auf Denker wie Barthes und Ludwig Wittgenstein zum Glühen gebracht wird und alle übrigen Themen überschmilzt. Denn die Fluidität der Körper ist, wie im Kosmos von Roland Barthes, auch eine Flüssigkeit der Sprache. Zu sprechen bedeutet, einen Körper zu haben. Einen Körper zu haben bedeutet, am Leben zu sein. Ein Leben zu haben bedeutet, die Sprache aus der Stille, vor der Stille, in den nächsten Moment herüberzuretten (nicht nur für Schriftsteller), bedeutet, unsicher zu sein – und weiterzugehen. Barthes: „Zu jedem Augenblick der Arbeit kann ich, verloren, verwirrt, nach vorn getrieben, mir nur das Wort vorhalten, das Sartres Bei verschlossenen Türen beendet: weiter geht’s.“ Nelson:

Angst vor Behauptung, vor Assertion. Der ständige Versuch, einer „totalisierenden“ Sprache zu entkommen, das heißt, einer Sprache zu entkommen, die rücksichtslos über Besonderheit hinweggeht; zu verstehen, dass das eine andere Form ist, paranoid zu sein. Barthes fand den Absprung aus diesem Karussell, indem er sich daran erinnerte, „dass die Sprache assertiv sei und nicht er“. Es ist absurd, sagt Barthes, dem behauptenden Charakter der Sprache durch den Versuch entfliehen zu wollen, „einem jeden Satz eine Klausel der Unsicherheit hinzuzufügen, als ob, was auch immer von der Sprache kommt, die Sprache zum Zittern bringen würde“.

Die Argonauten ist das erste auf Deutsch erschienene Buch aus Nelsons wachsendem Werk. Es bietet die Möglichkeit, nicht nur die Themen seines Inhalts zur Diskussion zu rufen, sondern auch jene seiner Ästhetik: die fragmentarische, Roland Barthes grüßende Struktur des Buches, Nelsons klare Sprache und vielleicht besonders das Memoir-Genre in einer Zeit, die Nelson selbst einmal als das „goldene Zeitalter kreativer Non-Fiktion“ beschrieben hat.

Wie bei jedem Buch sind die Leserinnen und Leser eingeladen, ob nun im Imaginarium ihres eigenen Kopfes und Kosmos oder in der Redaktion des Merkur (Mommsenstraße 27, Berlin-Charlottenburg) am kommenden Freitag, 27.10.2017, 19 Uhr, zu diskutieren. Hanna Engelmeier, Ekkehard Knörer und ich nehmen Nelsons Buch als Anlass zum Gespräch über „Memoir – Neue Formen von Autobiografie/Autofiktion“. Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Maggie Nelson, Die Argonauten, aus dem Englischen von Jan Wilm, Berlin: Hanser Berlin, 2017. Bestellen.