Nebensprechen | Björk

Nebensprechen | Björk: „Virus“.

Es ist gerade nicht en vogue (oder woke), sich wie ein Virus zu fühlen, oder sich auch nur in eines einfühlen zu wollen. Doch gerade dieses Gedankenexperiment hat Björk in ihrem Song „Virus“ von 2011 unternommen. Folgte man auch unter dem covidiotischen Miasma diesem Gedankenexperiment und ermöglichte man sich einen Lidschlag lang etwas luftschaffende Distanz, könnte es vielleicht gelingen, ein Virus nicht nur durch eine Katastrophen-Rhetorik sprachlich zu betrachten. Stattdessen ließe es sich, ob ehrfürchtig oder erschaudert, beschreiben als ein wundersames Etwas, ein Ding von ungeheuerlicher Fremde und Faszination.

Björks Song ihres kosmisch-kryptischen Albums Biophilia von 2011 entwirft ein Virus als begehrende Einheit, als Geschöpf, das ein Ziel hat auf seiner Suche.

Like a virus needs a body
As soft tissue feeds on blood
Someday I’ll find you, the urge is here

Erst nach zwei Vergleichen erlaubt sich Björks leidenschaftlich hauchende Stimme das Ich-Sagen. Wie ein Virus einen Körper braucht, wie Weichgewebe sich ernährt von Blut – auf diese Weise will dieses Ich eines Tages sein Du finden, der Drang zur Suche ist hier.

„Virus“ ist eine der aufgeschlossensten Kompositionen auf Björks ultra-ambitioniertem App-Eco-Konzept-Album um die Entstehung des Universums und die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Komponiert (und vermarktet) wurde es mit Hilfe von Apps und eigens entwickelten Instrumenten wie der Gameleste, eine Modifizierung der klavierähnlichen Celesta, deren Hämmer jedoch keine Stahlplättchen, sondern Bronzescheiben anschlagen. Die Celesta-Mechanik erzeugt so Klänge, die der indonesischen Gamelan-Tradition ähneln.

Neben „Crystalline“ kommt die Gameleste auf dem Album am schönsten in „Virus“ zur Geltung, wenn sie ihr klimpernd klingelndes Stochern anfangs mit dem harmonischeren Steel-Drum-Sound einer Hang vereint, nur um diesen Harmonien dann andauernd wegzulaufen oder nachzuhasten.

Die Lyrics von Björk und dem isländischen Dichter Sjón entwerfen rhetorisch klar die Motivik einer begehrenden Suche und einer verzehrend-harmonischen Vereinigung. Reich an Vergleichen stehen über allem Gegensatzpaare wie Verschmelzung und Verzehrung, Aufnehmen und Einnehmen.

Like a mushroom on a tree trunk
As the protein transmutates
I knock on your skin, and I am in

Die anfänglich angedeutete Dopplung zwischen Virus und Wirt wird in der zweiten Strophe gespiegelt in der Paarung eines Pilzes, der auf einem Baumstamm wächst, während die dritte Strophe das Bild schließlich zu einem Feuer auf der Suche nach Sprengstoff eskaliert. Lyrisch sind die beiden Einheiten dieser Paare in einer verzehrenden Weise miteinander verbunden, parasitär ernährt sich das eine vom anderen, um zu dem zu werden, was es ist, um sich nach der Verzehrung seines Nährstoffes schlussendlich selbst auszulöschen.

Die essentielle Bewegung vom einen ins andere ist eine Bewegung der Verwandlung, und obwohl die Lyrics aus dem Lexikon der Zerstörung zitieren („I feast inside you“; You fail to resist“; „My sweet adversary“), hallt in Björks Song kein Echo von Nihilismus nach. Ihr gesamtes Oeuvre ist Utopie und Kosmogonie, der Entwurf einer majestätischen Weltwerdung, die zum Paradies hinstrebt. So erschafft sie eine Welt mit einem Mund voller Sonne, eine Welt, in der alles voller Liebe ist, eine Welt voll triumphierender Herzen und voller big time sensuality. Gleichzeitig ist die isländische Idiosynkratin bei alledem niemals blind gewesen fürs Abseitige und Abgründige.

Es ist ein Zeichen ihrer besonderen Kunst, dass sie alles Abgründige dabei nicht mit Bildern, Wörtern und Tönen der Vernichtung oder der Verneinung entwirft, sondern mit einer exaltierten Hochstimmung übersprudelt, die ihre ganze Ästhetik prägt und das Beklagenswerte nicht leugnet, sondern mit einem Gegengesang erstickt.

So wird die verzehrende Verschmelzung von Virus und Wirt nicht als ein beide Einheiten vernichtender Totentanz aufgeführt, sondern als ein wunderlicher Paartanz, der in perfekter Harmonisierung mündet, wenn sie singt:

The perfect match, you and me
I adapt, contagious
You open up, say welcome

Die Worte führen ein Gespräch über die Strophen hinweg, denn die Antwort eines freundlichen Öffnens („You open up, say welcome“) führt zurück auf das wunderbare Bild von der Haut als einer Tür, an die das Virus klopft und sogleich hineingelangt („I knock on your skin, and I am in“).

Melodisch vollzieht sich die Verschmelzung auf magische Weise, wenn sich die kristallinen Gamelesta-Klänge mit den metallischen Hang-Sounds verbinden und einander überlagern. Diese zufällig wirkenden Harmonisierungseffekte werden begleitet von weiteren Überschichtungsmomenten, wenn einzelne Gamelesta-Klingeln sich anmutig parallelisieren und wieder erratisch voneinander wegstoßen.

In ihren kompositorischen Strukturen ist Björk hier einem ihrer wichtigsten Einflüsse ganz nahe, indem sie diese aleatorisch wabernden Klangangleichungen aufbaut wie die berühmten Phasings von Steve Reich, wenn zwei Instrumente identisches Klangmaterial in leicht verschobenen Tempi voneinander fortbewegen, am einfachsten zu bewundern in einer von Reichs eingängigsten Komposition Music for Mallet Instruments, Voices and Organ (1974).

Das Aneinanderkleben von Ich und Du, das Ineinanderschmelzen mündet in den wiederholten Worten um eine süßeste Feindschaft. In dieser erst etwas zu niedlich wirkenden Paradoxerei steckt dabei die Größe dieses Songs, denn pointiert fasst sie die Gegensätzlichkeiten auf schlüssigste Weise, aufs einfachste verbindend, in einem Begriff zusammen.

Wie Björk in einem E-Mail Austausch mit Maggie Nelson schrieb, sieht sie sich als Künstlerin, die ein Angebot der Aufhebung des Nihilismus versucht, die mit Stolz das Dunkle in sich aufnimmt und es umstürzt. In der zugewandten Einfühlung in ein tödliches Virus vollzieht sich dieser Versuch exemplarisch. Gerade dieser Tage führt er auch aus dem Tränental einer gedanklichen, emotionalen und besonders moralischen Sackgasse einer schnittmengenlosen Gegensätzlichkeit aus Gut (Mensch) und Böse (Virus).

Mithilfe der Kunst, mithilfe eines Gedankenexperiments aus Björks Oeuvre kann es möglich werden, selbst das Schreckliche zu ästhetisieren und in einem neuen, vielleicht sanfteren Licht zu erkennen. Jacques Derrida bezeichnete ein Virus einmal als etwas, „das weder dem Leben noch dem Tod angehört“. Das Virus ist ein Wunder? Ein Gott? Es ist einfach ein Virus.

Wie auch immer man davon denkt, ein Virus ausschließlich als todbringende Einheit zu betrachten, hilft für ein Leben in Angst nicht weiter. Nicht nötig, gleich anthroposophisch zu werden und vor Begeisterung das Virus zu tanzen – auch wenn sich zu Björks „Virus“ sehr wohl sehr gut tanzen lässt –, aber: Das Virus in diesem Gedankenexperiment einen Augenblick lang zu betrachten als ein winziges, wenn auch zerstörerisches Bauteilchen der großen Kosmogonie, die sich noch immer vollzieht und, wer weiß, vielleicht irgendwann einmal bessere Zeiten mit sich bringt – das gibt diesem winzigen Ding eine etwas prächtigere Bedeutung, die über sein zerstörerisches Moment hinausgeht. Und wenn diese kleine, dem Leben nur nahestehende Einheit, eine Bedeutung im großen Chaos (oder im großen Chorus) der Welt besitzen kann, dann, bitte, erlauben wir uns doch auch unsere eigene Bedeutung anzuerkennen, unsere Bedeutung im Paartanz zwischen Mensch und Natur. Denn auch diese beiden Einheiten müssen keine einander ausschließenden Gegensätze sein. Oder bleiben.

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Like a virus needs a body
As soft tissue feeds on blood
Someday I’ll find you, the urge is here

Like a mushroom on a tree trunk
As the protein transmutates
I knock on your skin, and I am in

The perfect match, you and me
I adapt, contagious
You open up, say welcome

Like a flame that seeks explosives
As gunpowder needs a war
I feast inside you, my host is you

The perfect match, you and I
You fail to resist
My crystalline charm

Like a virus, a patient hunter
I’m waiting for you, I’m starving for you

My sweet adversary
My sweet adversary
My sweet adversary

Björk, Biophilia, One Little Indian, 2011.