Sayaka Murata | Die Ladenhüterin

Sayaka Murata, Die Ladenhüterin. 

Der Sahnetorten liebende und am Bauchumfang arbeitende Theodor W. Adorno sprach gelegentlich lobend über Texte, die „schlank“ seien, so wie F.R. Leavis in hohen Tönen von literarischen Arbeiten als „sinewy“, als „sehnig“ sprach, kein fettiges Wort, kein schwabbelnder Satz. Das erste ins Deutsche übertragene Buch der Japanerin Sayaka Murata (*1979) mit dem zunächst klamaukig, etwas niedlich wirkenden Titel Die Ladenhüterin, stellt sich heraus als ein im besten Sinne schlankes und sehniges Stück Literatur.

Keiko Furukura, Mitte Dreißig, war ein seltsames Kind – eine in der Familie muss es ja schließlich machen –, das einmal auf einem Spielplatz ein totes Vögelchen fand, und während die anderen Kinder das tote Tier feierlich begraben wollten, lief Keiko rasch zu ihrer Mutter und sagte: „Lieber essen“. – „Papa mag doch Hähnchenspieße so gern. Wir könnten den kleinen Vogel heute Abend braten“. Paria zur Schulzeit, wird sie zu einer einsamen Erwachsenen ohne soziale Kontakte, die sich nicht um Freundschaften, ein Sozialleben oder  Sexualität schert, die jedoch auf obsessive und daher hingebungsvollste Weise Liebe empfinden kann, nicht für einen Vogel vielleicht und nicht für einen Menschen, aber für ein helles, warmes „Kästchen aus Licht“, das, wie aus der Nacht geschnitten, zu aller Zeit, in den einsamsten und den geschäftigsten Stunden, einen Schutzhafen bietet – sie liebt einen Konbini, einen der 24-Stunden-Convenience Stores, die in Japan so häufig vertreten sind wie Smartphones und Shiitake.

Seit neunzehn Jahren arbeitet Keiko als Ladenhilfe in einem solchen Mini-Supermarkt, hat bereits acht Filialleiter hinter sich und ihr gesamtes Dasein nur darauf ausgerichtet, für den Konbini zu funktionieren. Sie träumt sogar von ihm. Der Supermarkt als Lebenshilfe. Doch die Gesellschaft des Romans, schemenhaft erscheinend als ein höchst fragiles Konstrukt, blickt nicht begeistert auf Andersartigkeit, und Keikos Schwester, ihre Kolleginnen und Kollegen sowie eine spärliche Bekannten-Riege drängen sie zur Normalität: zur Ehefrauenhaft, zur Mutterschaft. Keiko weiß, die Annehmlichkeit und Bequemlichkeit der Convenience des Convenience Stores, wurzelt ausschließlich in Pragmatik, in einer feingeschliffenen, schärfst koordinierten Ordnung und Zweckmäßigkeit. So wie sie die Regale und die Waren im Konbini ordnet, ordnet sie ihr Leben, und geht kurzerhand mit einem erfolglosen Mitarbeiter eine Zweckgemeinschaft ein: Sie werden fortan zusammenleben, um dem Gegrantel der Gesellschaft zu entgehen und können dabei dennoch zwei vollkommen inkompatible und unsoziale Zellen ihrer eigenen Individualität bleiben.

Sayaka Murata erzählt diese einfache Geschichte auf eine höchst elegante und gewandte Weise, kein überflüssiges Wort verbaut den Weg zum vollends logischen Ausgang dieses völlig ungekünstelten, kontemplativen, ausgesprochen unterhaltsamen Romans. Ein erfrischendes, modernes Sorbet zwischen den überfrachteten Realismusbrocken der Mainstream-Gegenwartsliteratur. Sayaka Muratas Stil blockiert sich nicht mit Beschreibung – in einer Warenwelt der glasglatten Oberflächlichkeit erhält nicht eine der Figuren ihre Konturierung durch Äußerlichkeit. Ein köstlicher Aperitif, der einem Lust macht auf sehr viel mehr Murata-Magie. Eine kühn und kühl erzählter Schlag gegen eine Welt, in der, wie schon Bertrand Russell wusste, viel zu viel gearbeitet wird. Keikos Zweck-Hausfreund – „Mir ist, als hätte ich ein Haustier“, wird sie sagen – meint einmal ganz treffend: „Ich möchte mein Leben lang nichts tun. Bis ich sterbe, will ich einfach nur atmen, ohne dass mir jemand reinredet. Das ist alles, was ich mir wünsche.“ Auf seine ganz eigentümliche Weise ist Die Ladenhüterin ein perfekter Roman.

Sayaka Murata, Die LadenhüterinAus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 145 Seiten, 18 €. Bestellen.