Drei | Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, Verschenkter Rat.

Das erste Gedicht des einzigen Gedichtbandes von Ilse Aichinger trägt den Titel ,Gebirgsrand‘:

Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.

Der Kurzzeiler wurde zum ersten Mal 1959 publiziert und schließlich mit anderen Gedichten aus den Jahren zwischen 1955 und 1978 in Verschenkter Rat zusammengesammelt, als das schlanke Bändchen zum ersten Mal im Fischer-Verlag erschienen ist. (In den nächsten Jahrzehnten wurden weitere Auflagen stets mit neuen Gedichten Aichingers bestückt und  von ihr neu geordnet.) Der Auftakt des Buches ist eine Inversion, implizit zunächst gewiss jene, dass Schlankheit eine kraftvolle Wucht ausschließen muss. Die poetischere Inversion aber liegt darin, den Schatten von klischierten Vorstellungen von Nacht zu befreien und ihn auf kühle Weise mit dem Tag zu verbinden. Am Morgen, wenn die Sonne kommt, flutet sie den Berg mit Licht herunter, lässt aber die „Rückseite der Gebirge“ im Schatten. Die Träume müssen „niedersteigen“, sich zurückziehen, dem Licht, also auch dem Tag entfliehen. Darin liegt die Andeutung einer Poetik: Wachsein ist im Schatten leben, Träumen aber in der Sonne.

Aichingers Weltsicht, die sich in ihrer minimalistisch-klaren Poesie anschlägt, ist eine, die in Richtung Hoffnung getrieben ist, während sie vom Mangel ausgeht: „Wie schwarz mein Land wird, / nur tief unten krümmt sich / grün die Zeit“, lautet der Abschluss des Gedichts ,Teil der Frage‘. Und in ,Baumzeichen‘ ist chiastisch-schön das paradoxe Pendeln der Lyrik von Ilse Aichinger konturiert: „eine Hilfe, aber keine Hilfe / kein Trost, aber ein Trost.“

Wie in ihren Erzählungen, ihren Hörspielen, ihrem Roman Die größere Hoffnung (1948), findet Aichinger in ihren Gedichten eine nahrhafte, gelegentlich sachte das Surreale grüßende, bildsatte Sprache, in der das Hoffen wie ein Zwang zum Schönen erscheint, der nach langem, dem Aufgeben nahenden Warten endlich wieder gewagt werden kann. So heißt es mit Schwermut, also gleichsam schmerzhaft wie schön, in einem Gedicht: „Ich schreibe euch keine Briefe, / aber es wäre mir leicht, mit euch zu sterben.“ In einem anderen, wie ein gelasseneres Gesuch: „lieber wollen wir warten, / bis uns die goldenen Füchse / im Schnee erscheinen.“

Aichingers Welt ist befremdlich und malerisch zugleich, „[h]inwelkend“ und „steinfolgsam“, sie schmeckt nach „Apfelzucker“ und die „Blätterschatten“, jene „zerfetzten Sonnenspuren“, können bisweilen Trost spenden in dieser dunklen Welt, auch wenn die Menschen hier von sich sagen müssen: „Wir sind alle / nur für kurz hier eingefädelt“. Es ist eine Lyrik von ungeheurer Ruhe, wie eine Poesie, die sich ganz zurückgezogen hat in die Erinnerung, die vollends stattfindet „am Rande der Kindheit“, oder eine Lyrik, in der das Umstülpen der Erinnerung in die Sprache zur Vollendung gekommen ist. Mithin ist das der Anspruch aller Lyrik, wenngleich es nur der größten gelingt, aber es macht sie zur schönsten. Aichingers Lyrik ist eine Poesie von Landschaften, die durch ihre gelassene Sprache große Weite entfalten mögen, durch die ihre Sprecherinnen treiben und gleiten und schweben: „Ich lasse mich gerne gehen“. Es ist eine Lyrik, in der man fragen darf: „Wer bewahrt meinen Himmel für mich?“ Und eine, in der das Wunder konstatiert werden darf: „immer neue Funde, / unaufgebbar die Erwartung / des Unvermuteten“. Und es ist eine Lyrik, die mit der Ruhe einer auf alles Zurückblickenden nicht nur die Hoffnung als Affekt gegen Widrigkeiten abspielt, sondern Hoffnung zunächst stoisch wiederholt und dann bedacht als Sinngebung erkennt:

nichts nehmen,
flieht weiter,
sterbt nicht,
wenn der Weg auch stirbt

In der Wiederholung führt der Sinn sich auf:

Zum ersten
musst du glauben,
daß es Tag wird,
wenn die Sonne steigt.
Wenn du es aber nicht glaubst,
sage ja.

Die Lyrik der 1921 in Wien geborenen Ilse Aichinger ist schließlich eine Lyrik des Rats, den sie jedem Leser, jeder Leserin schenkt:

Hör gut hin, Kleiner,
es gibt Weißblech, sagen sie,
es gibt die Welt,
prüfe, ob sie nicht lügen

Es gibt die Welt. In dieser Welt gibt es Wunder und Schönheit und Frieden, aber weil man aus der Erinnerung kommt, sagt man auch in diese Welt hinein: „Ich trau dem Frieden nicht, / den Nachbarn, den Rosenhecken, / dem geflüsterten Wort.“

„Davon geht Ilse Aichinger also aus“, schrieb Peter Hamm einmal, „daß alles, was von der Welt kommt, nur Kränkung sein kann.“ Es mag verwundern, dass eine der wichtigsten deutschsprachigen Dichterinnen der deutschen Nachkriegssprache lediglich einen Gedichtband veröffentlichte. Aber es mag zwei Thesen erlauben. Zum ersten: Von der Welt geht nicht nur Kränkung aus, nein die Welt ist selber Kränkung, Kränkung ihrer eigenen Möglichkeiten, und die Sprache der Poesie versuchte Jahrhunderte lang, die Heilerin der Weltwunde zu sein, ohne Erfolg. So kurbelte sich die Sprachweite Ilse Aichingers im Laufe ihres Werkes immer weiter runter ins Kleine und ins Kleinste. Deshalb immer weniger Gedichte, weil ein Gedicht eben nicht die Zauberformel sein kann gegen die barsche Realität?

Zum zweiten: Von der Welt geht nicht nur Kränkung aus, nein die Welt ist selber Kränkung, Kränkung ihrer eigenen Möglichkeiten, aber die Sprache der Poesie ist selbst in ihren kleinsten Versuchen schon genug und genügend, um die Realität durch Zauber in eine andere Formel zu bringen. Deshalb immer weniger Gedichte, weil im Minimalismus die Wahrheit liegt, wie sie auch im Schweigen liegt, weil es auch nach Jahrtausenden noch immer genug ist, wenn eine Dichterin zum Wort ansetzt und schreibt, so klar und schön, dass es darüber nichts sonst zu sagen gäbe: „Es gibt die Welt.“

JAN WILM

Ilse Aichinger, Verschenkter Rat, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main: 2008. 299 S., 7,00€. Bestellen.