Angela Krauß | Der Strom

Angela Krauß, Der Strom.

John Berger sagte, Zärtlichkeit sei die Verweigerung eines Urteils. Angela Krauß’ gesamtes Oeuvre – die langsame Entfaltung der Weltwirklichkeit durch ihren lyrischen Stil, die geduldige Fürsorge des Blicks aufs Dasein – ihr Gesamtwerk ist geprägt von urteilsloser, zuschauender Zärtlichkeit. Stark vergröbert sind die zahlreichen Werke in Lyrik und Prosa der 1950 geborenen Autorin aufgespannt zwischen Impulsivität und Passivität, ihre Figuren sind Reisende oder Ausreißende, Stillstehende und immer Betrachtende. Bis in die feinsten Bestandteile der Sprache flimmert Krauß’ Literatur zwischen Ausharren und Aufbrechen.

In ihrem jüngsten Prosawerk „Der Strom“ ist diese paradoxe Dynamik handlungstragend und charakterisierend. Denn die namenlose Hauptfigur, eine Dichterin, klagt über einen Zustand: „In der Nacht des ersten Januar hatte ich nicht geschlafen. Ein Strom hatte begonnen, in meinem Körper zu pulsieren, an der Grenze zum Schmerz.“ Ihre Unruhe ist so intensiv, dass die Dichterin paradoxerweise darüber erstarrt: „Ich verhielt mich ruhig, verharrte in Rückenlage und vermied jede Bewegung. Um so mehr prägte sich mir das Strömen und Rauschen ein.“

In diesem kurzen Buch ist Krauß auf der Höhe ihres Sprachschaffens, hat sie Material und Stil so sehr im Griff, dass sich die fadendünn gezeichneten Handlungskonturen zu poetischen, bewegenden Momenten auswachsen. So wird zum Beispiel das prosaische Warten auf einen Paketzusteller zu einem entscheidenden Alltagsmoment im Leben der Dichterin, denn in diesem Warten steckt Erwartung, und diese „verlangt Zeit, Zeit, um sich selbst gewahr zu werden.“ Im schlichtesten Moment wird plötzlich alles möglich: „Ich wollte die Welt werden, das All, der Traum, das Unendliche, ohne es vorher verstehen zu müssen. Ein sanfter Wind schlang sich blitzschnell um meinen Körper und entwich nach oben.“

Vom Rauschen, vom titelgebenden Strom, der das Dichterinnenleben für den Moment durcheinanderwirbelt, erfahren wir in der Chronologie der Handlung erst nach einem Drittel des Buchs. Denn anfangs greift die Erzählung in der Zeit voraus und zeigt einen augenfällig ebenfalls unbedeutenden Moment im Leben der Frau. Sie sitzt beim Mittagessen, weit weg von zu Hause, und erwartet Gang um Gang ein reichhaltiges Menü. Auch in dieser Konstruktion berührt die Erzählung die Spannungen von Gegensätzlichem. In ihrem Leben zu Hause folgt die Dichterin einer asketischen Lebensweise, während das schmausende Mittagsmal im Urlaub den Wunsch nach Übermaß bekundet.

Man kann darin die Pole der Krauß’schen Poetik in Miniaturform ausmachen, die ihren Stil bis ins Feinste prägt: Eine höchst geschliffene, präzise Sezierung der Zustände, Objekte und Eindrücke, verbunden mit einem enthusiastischen Einfangen der Überfülle einer schönen Welt.

In diesem wie in früheren Werken der Autorin kehrt die Erzählerin an Gestade der Erinnerung zurück, die der Rückkehr einen obsessiven Charakter geben, wie zu dem Moment des ersten Kusses mit einem römischen Jungen. So wie dieser Augenblick schon in der schönen Erzählung „Sommer auf dem Eis“ (1998) durchleuchtet wurde, umkreist Krauß auch weitere Versatzstücke des Vergangenen immer wieder, und bringt sie stets in neue Gegenwarten und so in neue Zusammenhänge.

Auch hier das Gegensätzliche: Neben der besessenen Konzentration auf einzelne Erinnerungsmomente in kleinteiliger Genauigkeit steht die obsessive Weise, mit der diese Erinnerungsbilder wieder und wieder abgespielt und über ein großes Oeuvre verteilt werden, sodass allein durch diese gegenseitige Befruchtung abgeschlossener Einzelwerke die individuellen Momente an Größe und Bedeutung gewinnen.

Wie in früheren Texten hat auch die Protagonistin von „Der Strom“ ein Herz für ein besonderes Geschöpf der Weltgeschichte. Als sie aus ihrem Zuhause dem Strom zu entkommen sucht und in eine Schneenacht flieht, die altbekannten Straßen abgeht und doch immer wieder Neues entdeckt, trifft sie wie im Traum einen Kommandanten, der vor einer alten militärischen Dienststelle erscheint. Mit der apodiktischen Fakzität Kafkas oder der magischen Realisten erklärt Krauß nicht, wie dieser Kommandant erscheint, er ist plötzlich da, und „er verschwand, wie er erschienen war.“) Doch nicht dieser Kommandant ist die wiederkehrende Faszinationsfigur, sondern das Geschöpf, über die er mit der Erzählerin spricht: „das Weltraumhündchen Laika“, jenes Opfer der Raumforschung, ihrem Namen nach nichts als ein Kläffer, und doch das erste Lebewesen in der Umlaufbahn der Erde, als es 1957 Sputnik 2 betrat und die Welt verließ.

Krauß hat eine Vorliebe für Laika, und im „Strom“ wird der Grund deutlich. Laika ist eine Seelenverwandte einer ganzen Reihe von Krauß-Figuren. Als der Kommandant sagt, Laika sei ausgewählt worden wegen ihrer gelassenen Art „zusammen mit ihrem Ruhepuls unter Druck und Enge“, fügt die Erzählerin an: „Aber noch in der Kapsel machte sie einen wißbegierigen Eindruck! Es war unübersehbar Vorfreude, mit der sie in die Zukunft flog.“

Blendet man diese Bewunderung für Laika über die Erlebnisse der Protagonistin mit ihrem Strom, der am ersten Tag eines neuen Jahrs eine neue Unruhe produziert, eine ungewisse Zukunft bereitet, wird sie deutlicher charakterisiert. Denn mit Laika teilt sie letzlich Wissbegier und Gelassenheit, und auch sie wird voller Vorfreude in die Zukunft fliegen.

In meiner Erinnerung verschwimmen die Texte von Angela Krauß zu einem einzigen langen Buch, und wenn ich sie lese, meine ich fortwährend, ich wäre schon einmal hier gewesen, wiege mich gelassen in eine selbstgefällige Zufriedenheit, nur um dann von Momenten des Neuen und Unheimlichen überrascht zu werden.

Die sprachlichen Freuden und die Momente der liebevollen Hinwendung zur Welt, die Verweigerung vor der Vereinfachung komplexer existenzieller Phänomene, überhaupt die Berührung dieser größten Existenzvorgänge – man wird sie noch im kürzesten Text von Krauß finden, wie in einem Gedicht mit dem wunderschönen Titel „Ich muß mein Herz üben“: „Kaum einer wagt sich öffentlich hervor / mit der Frage: Gibt es die Welt eigentlich?“ Wer die intellektuellen und sinnlichen Freuden einer der aufregendsten Schriftstellerinnen unserer schönen Sprache kennenlernen will, muss das Gesamtwerk lesen, und wird – versprochen – darin Antworten finden können, so wie Krauß es in einem anderen Text einmal für die immer wiederkehrenden Fragen beim Schreiben formuliert und implizit verspricht: „Das ganze Buch ist eine einzige Antwort. Jedes! Auf alles!“

Angela Krauß: Der Strom, Gebunden, Berlin: Suhrkamp 2019, 93 S., 20,00 €. Bestellen.

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