Jul 2015 | Angela Krauß

Angela Krauß, Eine Wiege.

Voltaire: „Niemand hat gefunden oder wird je finden.“ Deshalb also die ewige Suche. Angela Krauß’ Eine Wiege ist eine ruhige und langsame Suche nach der Kindheit und nach allem, was dort seinen Ausgang nimmt, mit den Mitteln der Sprache und den Mitteln des Bildes. Die Aufmachung dieses schönen Bandes verrät, was die Beschreibung verspricht: Es handelt sich nicht zwangsläufig um Gedichte. Kein Verzeichnis reiht die mal kurzen, mal längeren Texte in eine betitelte Gesamtheit, und streckenweise sind ganze Seiten von Leere gezeichnet, in der kleine Schwarzweiß-Fotografien – von Kindern, von Familie – inmitten des Weiß hängen oder kurz aufsprechende Sätze in der Stille liegen, gleich einer Perle in einer Muschel, gleich einer Träne im Sand.

Eine „Rede in Versen“ ist dieses Buch und es begibt sich auf eine Suche nach den Fragen des Seins, nach dem Beginn der Geworfenheit in das Leben des Kindes.

Ich bin ein Kind,
aber nicht dieses.
Ich bin das andere,
das mich bewohnt.

„(wer sagt das? wer spricht?)“ ist die wiederholte Formel dieser Texte, und in ihnen ruht die tickende Unruh der Zeit, aus der ein Mensch gemacht ist, die ein Kind lernen muss, als sein Sein anzunehmen, auch wenn sie nicht verstehbar ist. Die Suchbewegung dieser Texte zielt nicht auf Beantwortung gestellter Fragen, manchmal ist nicht einmal klar, ob die Frage Wer bin ich? überhaupt die richtige Frage ist nach dem Ich. So wählt Krauß eine langsam sich auswachsende Sprache, die im Vagen bleibt und die neben all den anderen großen Fragen immer auch mitfragt – die Einklammerung deutet dieses Nebenbei schön an – „(wer sagt das? wer spricht?)“. Allein durch das Sprechen, durch das Reden in Versen, egal, wovon die Rede ist, werden diese Fragen immer mitgestellt. Eine Stimme ohne Sprecher gibt es nicht. Ganz gleich, wovon man spricht, man spricht von sich.

Die Fotografien, die zwischen die Texte gestreut sind, zeigen Kinder und zeigen die Familie des Kindes. Häufig sind es Einstellungen aus der Ferne, oder von oben, aus einem Fenster, von einem Balkon, Fotografien gemacht von einem Zurückgebliebenen, einem heimlichen Beobachter, dem Vater. Sie zeigen die Familie von hinten, beim Spazieren, beim Gehen, die Kinder beim Spielen in der Ferne, inmitten der Leopardenmuster der Sonne, die durch die Blattnetze der Alleen fällt; die Fotografien zeigen das Leben, wie es sich verwirkt, das Kindsein, wie es verschwindet, und auch den Vater, wie er fortgeht. Den Fotografen sehen wir – vielleicht – nur einmal von hinten, spielend mit den Kindern, und doch spricht durch jede Fotografie auch der Fotograf, in der Auswahl des Motivs, in der Rahmung des Bildes – und auch in dem ausschlaggebenden Moment, da der Auslöser betätigt wird, ist noch das Leben des Fotografen konserviert, für immer aufgehoben, sein Zittern der Hand, hervorgerufen durch den Herzschlag, der seinen Körper belebt. Stillstand in der Fotografie gibt es nicht.

Wer sagt das, wer spricht? Krauß’ Rede in Versen ist die Suche nach dem Kind, das sie war und eine Suche nach dem Kind, das sie niemals mehr gewesen sein wird. Wer ist also jener Mensch, der man war, den man erinnernd, aus seiner Zukunft von außen her, betrachtet, als wäre man ein Fotograf, vorhanden und nicht vorhanden auf einem Bild seiner Kindheit?

Die Suche durchläuft mit sachter und gelassener Ruhe, träumerisch und ein wenig melancholisch, die Tage der Kindheit und die Tage des späteren Lebens, das noch die Kindheit in sich trägt, bis es einmal heißt:

Ich bin ein Kind,
und zwar dieses.
Dieses Kind bin ich.
In einem Raum mit zwei Türen
atmend

Kurz davor aber hieß es: „Geschichte zernichtet, was noch atmet, / was widerspricht. / Was lebt, widerspricht.“ Was hier spricht, ist ein Stück leben, das im Sprechen einen Widerspruch leistet gegen die zernichtende Erbarmungslosigkeit der Geschichte. Der Sieg über den Tod findet im Leben statt, wie Henry James’ Lambert Strether weiß: „Lebe mit aller Kraft. Es ist ein Fehler, es nicht zu tun.“ Nur eine dem Sterben vorgelagerte Intensität des Seins besiegt prophylaktisch ihr kommendes Ende. Ende. Wenn es in einem der Texte schließlich heißt: „Eines Tages werde ich gelebt haben“, so liegt darin keine Traurigkeit; es liegt darin zwar das Vergangene, das nicht mehr Wiederkehrende, aber auch das Gewesene in seiner an Leben gesättigten Erfahrung.

Ich habe mir immer ein großes Finale vorgestellt,
die Mühe der Geburt,
dann das Leben.
Das alles verlangt nach Krönung.

In Krauß’ Buch ist enthalten ein Mir-zur-Feier, das das Leben mit Hilfe der Poesie – ob sprachlich, ob fotografisch – aus Versatzstücken zusammenhält, das zusammenhält, was durch die Zeit in die hinterlassenen Objekte eines Lebens hineingeglitten ist.

Wohin versinkt unaufhörlich,
was wir erleben?
Die groben Partikel
fängt das Netz des Gedächtnisses.
Welches Gedächtnis?

Vielleicht, so scheint in diese Texte und Bilder eingeschrieben, ist alles Vergangene nicht fort, sondern bloß hineingedrängt in die „Ruhe der Dinge“, in zurückgelassene Fotografien und in bleibende Texte. Das gelebte Leben ist ein Sediment, das sich in den Dingen verhärtet, und die Poesie ein Suchmittel, ein Lösungsmittel, das aus der kristallinen Struktur des Vergangen das gelebte Leben herauslöst und in veränderter Form erzählbar macht: „Die Zukunft existiert: in jeglichem Bild / ein unsichtbares Hologramm.“ Es stimmt, schon heute kann man die Zukunft der Dinge überall finden, doch: Gefunden wird nicht in der Zukunft das Vergangene; gefunden wird nicht in der Gegenwart das Verlorene; gefunden wird nur in der Gegenwart das Leben, während man es verliert. „Hör auf zu suchen! Setz dich her.“

JAN WILM

Angela Krauß, Eine Wiege, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2015, 120 S., gebunden, 18,00 €. Bestellen.