Lavinia Greenlaw

Lavinia Greenlaw.

Der folgende Text ist eine leicht abgewandelte Einführung zur Veranstaltung mit Lavinia Greenlaw im Rahmen der Frankfurter Lyriktage 2017 im Goethehaus Frankfurt am 30. Juni 2017.

„It’s not the theme that interests me / but the variation“, heißt es in ihrem Gedicht ,The Catch‘ aus der Sammlung The Casual Perfect. Wendet man die Seite und wendet sich einer weiteren Variation einer der schönsten Dichterinnen der Gegenwart in englischer Sprache zu, liest man im Gedicht ,English Lullaby‘: „The world is versions“.

Sie ist eine Dichterin von Weltversionen und Versionenwelten, eine Autorin, die mit ihrer Prosa und ihrer Lyrik schönste Nachrede betreibt, Nachrede ihrer eigenen Gedichte. Ihre Kunst ist eine auserlesene Wiederholung, ein erneutes Einfangen alter Erinnerungen, ein nochmaliges Zurücktasten zu bereits beschriebener Emotion. Lavinia Greenlaw ist eine Dichterin, die aufs beeindruckendste die Idee des alten Dänen Kierkegaard verinnerlicht, dass die Wiederholung eigentlich eine Lüge ist, und jeder wiederholte Moment ein Fortlügen jenes Erstmoments, den der jetzige Moment ins Heute hineinzuwiederholen sucht. Die Welt hat sich weitergedreht, wie kann ich da etwas wiederholen, was gestern noch an einem ganz anderen Ort war, wie kann ich da etwas wiederholen, da ich heute schon an einem ganz anderen Ort bin? Ein ganz anderes Ich – eine ganz andere Welt.

Die Arbeit einer solchen Autorin, deren Werk immer auf bereits vorherigem Werk aufzubauen scheint, konfrontiert einem mit einem schönen Paradox: Wenn dies auch bei ihrem Frühwerk schon der Fall ist, wann hat das Werk dann seinen Ursprung, gab es ihre Dichtung dann schon immer, hat sie immer schon geschrieben? Glaubt man an die Posterität der Dichterperson durch ihre Werke, glaubt man, dass die Literatur eine Zeitkapsel ist, in der die Schreibenden fortleben wie der singende Frosch in jenem Warner Brothers-Cartoon, der nur singt, wenn ihm keiner zuschaut, dann sterben Dichter nie, und müssen vielleicht ewig singen. Vielleicht aber werden sie dann auch niemals geboren und leben immer schon.

Lavinia Greenlaw wurde in London geboren, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat und bis heute lebt. Sie legte bis heute ein umfangreiches Werk in verschiedenen Medien vor; sie hat für den Film, fürs Fernsehen, fürs Radio und für die Oper gearbeitet sowie eine Klangarbeit vorgelegt, die unter dem Titel Audio Obscura 2011 erschien und heute online zu erkunden ist. Im letzten Jahr schrieb und inszenierte sie einen Kurzfilm mit dem Titel The Sea is an Edge and an Ending.

Ihr literarisches Werk, aus verschiedenen Gattungen zusammengestellt, weist eine Reihe von Kostbarkeiten auf: Zwei Romane, Mary George of Allnorthover, der 2001 veröffentlicht wurde und im Deutschen als Die Vision der Mary George erschienen ist sowie An Irresponsible Age von 2006. Darüber hinaus erschien das Sachbuch Questions of Travel: William Morris in Iceland (2011) und davor das fulminante Memoir The Importance of Music to Girls im Jahr 2007. Ihr dritter Roman, In the City of Love’s Sleep, wird im nächsten Sommer auf Englisch erscheinen und bald darauf eine deutsche Übersetzung suchen.

Lavinia Greenlaw verfasste bis heute fünf Lyrikbände, die im Englischen allesamt bei Faber & Faber erschienen sind. Die Titel der Sammlungen lauten: Night Photograph (1993), A World Where News Travels Slowly (1997), Minsk (2003), The Casual Perfect (2011) und A Double Sorrow: Troilus and Criseyde (2014), das eine Interpretation und Verdichtung in Gedichtform der antiken Geschichte darstellt, die unter anderem von Bocaccio, Chaucer und Shakespeare erzählt worden ist. Es ist nicht das Thema, das sie interessiert, sondern die Variation.

Ihre Lyrik, in suggestivem Stil gehalten, ist eine ausgesprochen sinnliche und persönliche Dichtung, die dabei niemals den kritischen und manchmal sogar sezierenden Blick auf die Welt, die Menschen und das sprechende Selbst verliert. Im Zentrum ihrer Lyrik steht mithin die Erfahrung und besonders die Wahrnehmung eines sich mitteilenden Mensch, der biographische und emotionale Bohrungen in der eigenen Erinnerung und der Welt vornimmt und dabei bisweilen versucht, sich selbst näher zu kommen oder sich selbst zu entkommen. Diese besondere und bezaubernde Lyrik, wie vielleicht ihre Gattung selbst, bringt zweierlei fertig, nämlich die Schattierung des Selbst als eine Form der Maskierung, so wie T. S. Eliot proklamierte, nämlich dass Lyrik kein Ausdruck von Emotion sei, sondern eine Flucht vor Emotion; und die Schattierung des Selbst als eine Form der Markierung, der Konturierung, da Lavinias Greenlaws Lyrik gleichermaßen von dichterischen Traditionen des Bekennens, ähnlich der Lyrik von Sylvia Plath, Elizabeth Bishop, Robert Lowell und John Berryman, geprägt ist. Ihre überaus anspielende Poesie flackert stets zwischen diesen beiden Endpunkten und pendelt dabei zwischen vielen weiteren thematischen Gegensätzen, zum Beispiel der Heimat und der Fremde sowie der intensiven Erfahrung des Moments und der Erinnerung an den absoluten Verlust.

Bislang sind zwei Gedichtbände von ihr ins Deutsche übertragen worden, nämlich Night Photograph und Minsk, jedoch sind beide Bände derzeit vergriffen. Der Silberstreifen allerdings: Im nächsten Jahr wird im Carl Hanser Verlag ein sehr schöner Band mit Lavinia Greenlaws Gedichten erscheinen, den es vorzumerken gilt, wenngleich ich an dieser oder anderer Stelle, gegen andere Stille, meinen Hinweis darauf wiederholen werde.

Einige ihrer Gedichte sind online archiviert:

https://www.laviniagreenlaw.org/
https://www.poetryfoundation.org/poems-and-poets/poets/detail/lavinia-greenlaw/
http://www.poetryarchive.org/poet/lavinia-greenlaw/
https://www.poemhunter.com/lavinia-greenlaw/