Fünf | Novalis

Novalis, Hymnen an die Nacht.

Was wäre, wenn man Novalis in ein Flugzeug setzen könnte? Auf einen Fensterplatz, wo er die gleitende Welt unter sich vorbeiziehen sähe, die durchstiebenden Wolken, wenn die Maschine an Höhe gewinnt und die weiße Decke durchbricht und eine hügelig-helle Welt aus Weiß enthüllt und bald Berge und Seen zeigt; unten die zahllosen Muster, die die Natur und die Menschen in die Erde gezeichnet haben, oben der verschwimmende Horizont von Blau nach Schwarz, wo der Himmel zum All wird?

Was würden die Augen dieses für die Ewigkeit jungverstorbenen und also ewig junggeborenen Dichters sehen, wenn er über der Erde schwebte, wie würde sich das imaginative Einsaugen der Welt in seinen Versen zeigen? Unvorstellbar, was diese schon in einem an den Boden gefesselten Körper grenzenlose Imaginationskraft schließlich in einem Moment des Schwebens durch die Weiße der Wolken empfunden und erfunden hätte. Unvorstellbar, was in der Welt eines einzigen Dichterkopfes so durch die Welt geschwebt wäre, unvorstellbar, welche unheimliche Welt starb, als Novalis zum letzten Mal die Augen schloss.

„Seyn ist Schweben“, schrieb er in seinen Studien zur Philosophie Johann Gottlieb Fichtes, und das Schweben war ihm ein Synonym für Freiheit, Freiheit fast ein Synonym für Ich: „Frey seyn ist die Tendenz des Ich – das Vermögen frey zu seyn ist die productive Imagination – Harmonie ist die Bedingung ihrer Thätigkeit – des Schwebens, zwischen Entgegengesetzten.“ Die Tätigkeit der produktiven Imagination ist, ganz entgegen des kühlen, rein-rationalen Kantianischen Imaginationsbegriffes, eine wärmende, malende Kraft, absolut und ganz befähigt, das Ich in seine eigentliche Natur zurückzuschmelzen. Die Imagination ist Freiheit, die Imagination ist Schweben.

Das Schweben im Flugzeug kann im Fall Novalis nur als Metapher dienen. Der 1772 geborene Dichter starb 1801 und verfehlte die Luftfahrt etwa um ein Jahrhundert. Gleichwohl flog und schwebte Novalis sein Leben lang. Und darüber hinaus. Wie es in seinen um den Jahrhundertwechsel 1799/1800 abgeschlossenen Hymnen an die Nacht heißt:

Unendliches Leben
Wogt mächtig in mir,
Ich schaue von oben
Herunter nach dir.

Vielleicht war es also kein Unglück, dass neben Novalis’ Vorstellung, neben Hardenbergs Geist, nicht auch sein Körper fliegen konnte. Vielleicht war es gut, dass der schmale Körper dieses kleinen Mannes an den Boden gebunden war, so dass der Geist den Impuls zum Schweben ausbilden konnte. Denn wie viele unserer Zeitgenossen, glückliche Nutznießer des Wunders der zivilen Luftfahrt, schwelgen noch feierlich in ebenjener Techno-Hexerei des Fliegens, besonders, wo doch die Sitze so unbequem sind?

Vielleicht ist die Dichtung an sich eine Alternative zu den mannigfachen Mängeln von Sein und Welt, die Überschreitung durch Imagination der notwendige Ausbruch aus den Einzäunungen der Wirklichkeit. Doch speziell die Dichtung der Romantik bedeutet Überschreitung, Überwindung, Überdauern, und Novalis’ beinahe ausschließlich fragmentarisch gebliebenes Werk steht sinnbildlich für sie. Die blaue Blume in seinem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen (geschrieben 1800; veröffentlicht 1802) ist das vereinende Bild der deutschen Romantik geworden; seine „stilldurchhofften“ Verse fassen das gesamte ästhetische und politische Hoffnungstreiben der romantischen Strömung; und seine Hymnen an die Nacht, Friedrich von Hardenbergs einziges abgeschlossenes Werk, das in einer Versfassung und einer Prosafassung vorliegt, sind der Zyklus der Romantik, der vielleicht am schärfsten die Nacht als Quelle der Sehnsucht und die Sehnsucht nach dem Tod als Geburtsort der Imagination zelebriert.

Biographisch geprägt durch die frühen Tuberkulosetode seiner jungen Verlobten Sophie und seines Bruders sowie durch ein transzendentes Erlebnis an Sophies Grab, wirft sich Novalis in den Hymnen durch die Reflexion über die Nacht in eine Umwidmung der Nacht als negativ besetztes Motiv. In der ersten Hymne ist es noch „das allerfreuliche Licht“, das alles in seinem leuchtenden Glanz badet: „Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Welt.“ Nach etwa der Hälfte der ersten Hymne aber ist das Licht in seiner Allmacht längst in Frage gestellt und mit einer zunächst nur vorsichtigen Frage wird die Dunkelheitsliebe der Romantik eingeläutet: „Hast auch du Gefallen an uns, dunkle Nacht?“ In kürzester Zeit wird Novalis’ erste Hymne erkannt haben, die Seite des Schattens, die Dauer der Nacht bedeuten die vollgefüllten Speicher einer unendlich scheinenden Imagination, die schon in der zweiten Hymne alle denkbaren Grenzen aufgelöst hat: „zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft.“

In der über die nächsten Hymnen ausgefalteten „Nachtbegeisterung“ findet Novalis den Inbegriff des Romantischen: Indem er sich in die sonst gemiedene Nacht und in ihren symbolischen Zwilling, den Tod, hineinstürzt, sich verzehrend in die Abgründe des Daseins wirft, gelingt ihm die Überwindung der Nacht, die Überwindung des Todes. „Zur Hochzeit ruft der Tod“, heißt es in einer späten Hymne – im furchtlosen, liebevollen, leidenschaftlichen Zuschreiten auf die allesvernichtende Auslöschungsenergie des Todes, löscht Novalis in seinen wenigen Hymnen an die Nacht die Energie des Todes aus, indem er sie umlenkt, neu kanalisiert, den Tod umstülpt und mit Worten von seiner Angstherrschaft befreit. Weil Sprache ein Handeln ist und Denken in Sprache geschieht, ist für Novalis Denken gleich Handeln. Andernorts schreibt er: „Das echte Denken erscheint wie ein Machen – und ist auch ein solches.“

Poesie ist das Denken des Dichters. Poesie über die Sehnsucht nach dem Tod, dieser bedeutende Kern der Romantik, hat nichts gemein mit Todesphantasien als Ablehnung von Leben und Welt. Ganz im Gegenteil. Der sprachliche Sturz in den Tod ist die denkende Handlung, mit der die Welt durchschwebt werden kann, mit der man schwebend freies Leben denkt.

Trotzdem: Novalis hätte sich nie über einen unbequemen Sitzplatz im Flugzeug beschwert. Nie.

 JAN WILM

Novalis, Hymnen an die Nacht / Die Christenheit oder Europa, Insel Verlag, Wiesbaden: 1957. 288 S., nur antiquarisch erhältlich.

Novalis, Gesammelte Werke, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main: 1957. 528 S., €. 12,00. Bestellen.