Fragen für Heinz Feldmann

Fragen für Heinz Feldmann.

Heinz Feldmann schloss in diesem Jahr seine großartige Übersetzungsarbeit an den zwölf Teilen von Anthony Powells Ein Tanz zur Musik der Zeit ab, jenen großen Romanzyklus um den Helden Nicholas Jenkins und seinen Tanz durch die Jahrzehnte und durch die britische und europäische Gesellschaft – ein Pfandleihhaus, in dem die Großthemen der Literatur eingelagert und eingetauscht werden. Der Abschlussband der großen englischen Saga (Der Klang geheimer Harmonien) erscheint im Elfenbein Verlag zum Jahresende;  einige Taschenbuchausgaben sind bereits bei dtv erhältlich. Grund genug für einige Fragen für Heinz Feldmann.

Wilm: Gerade haben Sie die Übersetzung des letzten Bandes des zwölfteiligen Romanzyklus Ein Tanz zur Musik der Zeit von Anthony Powell abgeschlossen. Entwickelten Sie während dieser langen Arbeit Strategien oder gar eine Poetik des Übersetzens, die speziell für diese Werke zutrifft? Und wie sieht Ihre Übersetzungsarbeit im Allgemeinen aus?

Heinz Feldmann: Ich bin kein professioneller Übersetzer und mehr oder weniger zufällig in diese Rolle gerutscht. Ein Tanz zur Musik der Zeit ist meine erste und bisher einzige Arbeit dieser Art. Bevor ich die Aufgabe in Angriff nahm, habe ich die inzwischen zahlreichen Theorien zur literarischen Übersetzung studiert und aus diesem Studium mein eigenes Konzept entwickelt. In dem Nachwort zum ersten Band habe ich es kurz umrissen: „Dem Original möglichst nahezukommen, ist überhaupt das Prinzip der vorliegenden Übersetzung. Sie versucht, sich eng an das Original zu halten, und zielt darauf ab, so viel wie möglich von den charakteristischen Gegebenheiten des Stils, auch seiner Schwächen und Sprödigkeiten, ins Deutsche herüberzuholen. Ihr Ideal ist nicht die glatte Lesbarkeit oder Eleganz, sondern eine deutsche Version, die in all ihren Einzelheiten die gleiche Wirkung vermittelt, die das Original auf den englischen Leser ausübt.“ Das war von Anfang an meine ,Strategie‘, und sie ist es bis zum letzten Band geblieben.

Mir ist natürlich bewusst, dass es sich dabei um ein unerreichbares Ideal handelt. Bei jeder Übersetzung geht unendlich viel verloren, weil viele der Register der Ausgangs- und der Zielsprache verschieden sind. Zum Beispiel: Was der englische Leser bei der Beschreibung des Internats am Anfang des ersten Bandes, das er sogleich als Eton indentifiziert, oder der Pubs im zehnten Band an soziologisch-kulturellem Hintergrund unterschwellig mitliest, kann ich in der Übersetzung nicht vermitteln. Wortspiele, Jokes, Anspielungen auf politische oder gesellschaftliche Ereignisse lassen sich häufig nicht adäquat (oder auch gar nicht) übertragen. Hinzu kommt eine Verschiedenheit in der Grundstruktur der beiden Sprachen: Das Englische ist im Wesentlichen eine reihende Sprache, die die Kernaussage sofort liefert und die Nebenaussagen durch Partizipialkonstruktionen, Ellipsen usw. nachschiebt, während das Deutsche eine umschließende Sprache ist, die das Entscheidende erst zum Schluss sagt. Zudem benutzt Powell einen Erzählstil (ich habe ihn in meinem Nachwort zum ersten Band kurz beschrieben), für den es im Deutschen nichts Adäquates gibt. Alles das wirkt dem Anspruch der Äquivalenz von Original und Übersetzung entgegen. Dennoch ist er die Richtschnur für meine Arbeit.

Wie meine Übersetzungsarbeit konkret aussieht? Bevor ich anfing, kannte (und liebte) ich natürlich das Gesamtwerk ziemlich genau. Wenn ich die jeweiligen Einzelbände beginne, lese ich sie noch einmal gründlich durch, um einen Eindruck von der jeweiligen Thematik und Stimmung zu bekommen. Danach übersetze ich kleine Abschnitte von ein bis zwei Seiten, die ich mir dann immer sofort laut vorlese, um zu sehen, ob ich den richtigen Ton und den richtigen Rhythmus getroffen habe. Die meisten Dialoge, die ich als verhältnismäßig einfach empfinde, übersetze ich direkt in den Computer. Die vielen Meditationen, Besschreibungen, Rückblenden, Charakterisierungen, die oft ziemlich kompliziert gestaltet sind, übersetze ich zunächst handschriftlich, überarbeite sie und übertrage sie dann in den Computer.

W: Die ersten drei Teile von Ein Tanz zur Musik der Zeit übersetzten Sie bereits in den 1980er Jahren; die im Elfenbein Verlag erschienenen Versionen der ersten Romane haben Sie erneut überarbeitet. Welche Form nahm diese Überarbeitung an?

HF: Ich hatte mir das oben beschriebene Grundkonzept in den achtziger Jahren gebildet. Als ich 2014 die Arbeit an Ein Tanz wieder aufnahm, hielt ich es immer noch für das relevanteste. Deshalb sind nur einige wenige stilistische Veränderungen bei den ersten drei Bänden vorgenommen worden.

W: Begegneten Sie sich beim Überarbeiten der ersten drei Teile als anderer Übersetzer? Welche Empfindungen und Erkenntnisse über die Übersetzungsarbeit ergaben sich bei dieser erneuten Durchsicht? Ließe sich diese Arbeit gar beschreiben als eine weitere Dimension des Übersetzens, des Übersetzens der früheren Arbeit?

HF: Als der Ehrenwirth-Verlag die Publikation des Tanzes nach dem dritten Band einstellte, habe ich nicht weiter an der Übersetzung gearbeitet und auch Powell ein wenig aus den Augen verloren. In den dreißig Jahren, die vergangen waren, als ich wieder mit der Übersetzung begann, hatte sich natürlich mein Literatur- und Stilverständnis geändert. In den achtziger Jahren beschäftigte ich mich, berufsbedingt, fast auschließlich mit englischer Literatur. Nach meiner Pensionierung im Jahre 2000 kam zunehmend die deutsche Literatur dazu (Raabe, Fontane, Mann, aber auch Zeitgenossen wie Mosebach und Michael Kleeberg, den ich besonders schätze). Das muss natürlich Einfluss auf meine Sprachbeherrschung gehabt haben, aber in welchem Maße sich das in meiner Übersetzungsweise niedergeschlagen hat, kann ich nicht abschätzen. Ich kann aber sagen, dass mir mehr als früher die tiefe Humanität Powells bewusst geworden ist, aber auch seine Verzweiflung und seine satirische Bosheit. Vor allem aber sehe ich besser als zuvor, dass er mit allen Wassern modernen Erzählens gewaschen ist – etwas, das in der Kritik kaum wahrgenommen wird.

Ich selbst bin seit 2014 weit mutiger als früher beim ,Verbessern‘ seiner kleinen stilistischen Schwächen und der übersetzerischen Interpretation mehrdeutiger Stellen.

W: Welcher der zwölf Romane stellte am meisten Schwierigkeiten beim Übersetzen dar und warum?

HF: Der erste Band war für mich zweifellos der schwierigste. Ich hatte vorher noch nie Literatur übersetzt und musste mir erst eine gewisse Technik erarbeiten. Zudem dauerte es einige Zeit, bis ich mich an den komplizierten Stil Powells gewöhnt hatte. Schwierig waren auch die drei Kriegsbände wegen der vertrackten Militär-Terminologie. Am meisten Spaß hat mir der fünfte Band (Casanovas chinesisches Restaurant) gemacht, mein Lieblingsroman mit meiner Lieblingsfigur Hugh Moreland.

W: Sie lernten Anthony Powell vor seinem Tod im Jahr 2000 noch persönlich kennen, und er schätzte sich glücklich, Sie als Übersetzer haben zu dürfen. Wie sah Ihre Bekanntschaft und besonders Ihre Zusammenarbeit mit Anthony Powell aus?

HF: Ich habe Powell zweimal in seinem Haus in Chantry, Somerset, besucht: im April 1982 und im Juli 1984. Er hat die Begegnungen auch in seinen Journals erwähnt. Es ging mir natürlich darum, ihn kennenzulernen, zu sehen, wie und wo er lebte, und mich ihm als seinen deutschen Übersetzer vorzustellen. Ich habe ihn als zwei unterschiedliche Persönlichkeiten erfahren: Beim ersten Besuch als einen völlig entspannten, freundlichen, fröhlichen, ja spaßigen Gesprächspartner; beim zweiten Besuch als reserviert, formell, geschäftsmäßig. Menschen, die ihn näher kannten, sagten mir später, dass auch sie diese beiden Seiten an ihm erlebt hätten. Offiziell war ich gekommen, um ihm mein Übersetzungskonzept vorzustellen und mit ihm über Schwierigkeiten, die bis dahin bei den Übersetzungen aufgetaucht waren, zu sprechen.

Powell ist ein sprachmächtiger Schriftsteller und seine Prosa ist von komplizierter, doch lebender Schönheit. Aber es gibt auch, wie in der Kritik mehrfach bemängelt,  schlampig konstruierte Sätze, Grammatikfehler, sprachlogische Fehler, Inkongruenzen von Subjekt und Prädikat, falsche Präpositionen usw. Wie soll ein Übersetzer mit solchen Phänomenen umgehen? Powell hat mehrfach betont, wie er seinen Erzählstil verstanden haben möchte, nämlich als gemächliche Erzählung über den Dinnertisch hinweg. Sind also die Sprachmängel bewusst eingesetzte Stilmittel, um eine solche Erzählhaltung aus dem Stegreif authentisch zu machen, fragte ich ihn. Powell verneinte das und hielt sie für bloße ,slips‘. Er war jedoch durch meine Hinweise wohl ein wenig genervt, denn in seinem Journal-Eintrag nennt er mich „relentlessly Teutonic“. Allerdings bat er mich, die Fehler in der Übersetzung nicht zu wiederholen.

Anthony Powell, Ein Tanz zur Musik der Zeit: Eine Frage der Erziehung; Tendenz: steigend; Die Welt des Wechsels; Bei Lady Molly; Casanovas chinesisches Restaurant; Die Wohlwollenden; Das Tal der Gebeine; Die Kunst des Soldaten; Die Philosophen des Krieges; Bücher schmücken ein Zimmer; Könige auf Zeit. Deutsch von Heinz Feldmann. Elfenbein Verlag, Berlin 2015–2018, je €22.- Bestellen.