Feb 2015 | Evelyn Schlag

Evelyn Schlag, verlangsamte raserei.

Es gibt etwas, das an der Kritik von Lyrik ausgesprochen stört. Ginge man weiter, könnte man sagen, es ist fehl am Platz, hat in der Kritik von Lyrik nichts zu suchen, hat mit Lyrikkritik gar nichts zu tun: nämlich die Kritik an der gemischten Metapher, am – hoppla! – verrutschten Bild. In der Lyrik gibt es das verrutschte Bild nicht. Oder es gibt es, doch das bedeutet nicht, dass es die Aufgabe der Kritik ist, dies zu kritisieren. Unschuldig betrachtet, ist ein Elefant auch ein verrutschtes Bild, der Rüssel etwas von einer Schlange und die Ohren etwas einer zu groß geratenen Maus, der Körper eine wuchtige Schwerfälligkeit, die Augen ein träumendes Schwarz. Aber lassen Sie doch den Elefanten bitte in Ruhe und feiern Sie die Schönheit und den Wahnsinn dieses Wundertieres, das ein Geschenk ist für jeden, der es betrachten darf.

Die Metapher und ihr Bruder, der Vergleich, sind nichts anderes als Elefanten: Wundergeschöpfe. Lassen wir uns also darauf ein, den Elefanten betrachten zu können, ohne zu fragen, warum ist ein Elefant – dann gelingt es uns vielleicht auch, den unreifen Zweifel am ungelenken Bild, am abwegigen Vergleich, an der gemischten Metapher hinter uns zu lassen. Denn jede metaphorische Verbindung bringt in einem Prisma etwas zusammen, das immer zusammengehört, weil es zusammengehören kann. Oder anders: Es ist zuvörderst gar nicht Aufgabe der Dichtung, Bilder zusammenzubringen, sondern Bilder zu machen. Die moderne Dichtung feiert mit einem Bild, einem Vergleich, einem Kompositum ihre kühne Kreationsmacht, die Logik der Freiheit, die man Kunst nennt. Poetry makes nothing happen? Von wegen!

Gewiss, es ist nicht ganz passend, diese Gedanken in einer Kritik über Evelyn Schlags jüngsten Gedichtband verlangsamte raserei von 2014 aufzuziehen, speisen sie doch ihr Moment aus einem einzigen, 15 Jahre alten Kritikpunkt an Schlags früherem Gedichtband Das Talent meiner Frau, der damals in der Frankfurter Allgemeine Zeitung von Walter Hinck besprochen wurde. Aber manchmal muss man den Elefanten auch einfach mal von hinten aufzäumen. Damals schrieb Hinck in seiner Besprechung, die Sprache Schlags sei dem „Ausdruckswillen“ der Autorin nicht immer gewachsen, doch der Rezensent bringt mit seinem Urteil den Beweis, dass er kein Gespür hat für Schlags Ausdruckswillen, weil er kein Gespür hat für ihre Sprache; er urteilt: „sie nimmt Zuflucht zu künstlichen Bildern.“ Als Beispiel nennt Hinck dann das Gedicht „Bilanzakt“ und als eine der zwei Bilderkritiken nennt er dieses: „ein ungleich abgesägter Schal“. Noch mal: Die Kritik läuft fehl, wenn sie meint, zum Totschlag gegen die Lyrik ansetzen zu können, indem sie künstlich! ruft. In der modernen Lyrik sind alle großen Bilder künstlich, denn sie bilden nicht ab, sie bilden neu. Es gibt keine künstlichen Bilder, alle Bilder sind künstlich und, wie der geniale Pierre Reverdy überzeugt war, je fremder das Bild, desto schöner das Bild.

Evelyn Schlags neuer Gedichtband verlangsamte raserei, im Titel schon Paradoxes versprechend, macht das ganz vortrefflich, Gedicht um Gedicht, Schlag auf Schlag. Schlag gelingt es, in diesem acht Gedichtzyklen umfassenden Band, das Komplizierte auf ganz einfache Weise erkennbar zu machen. Ihre Lyrik erfasst dabei das Kernmotiv der Reise auf verschiedenste Art, ob sie physische Eindrücke aus Rom oder New York telegrafiert – das erste Gedicht des Bandes ist eine „rückfahrt“ –, oder ob sie den Menschen beim Wachsen durch die Zeit zuschaut – ihre verlangsamte Raserei ist die Kernangelegenheit der Lyrik: Das Zusammenkristallisieren vergangener Momente, die verdichtet und für einen dünnen Moment lang eingefroren werden, bevor sie für immer verschwinden – „zwischen mich und farewell passt ein blatt“ – das Einsammeln ganzer Welten aus Erinnerung. Wenn es zu Beginn des Gedichts „rückfahrt“, während die Sprecherin „vom zug aus“ in die Welt nach draußen sieht und nachdenkt, ganz nebenbei heißt: „vorüber vorüber“, dann ist dieses Vorüber nicht nur das Verschwimmen der reißenden Landschaft, sondern man mag darin auch Matthias Claudius’ Mädchen „Vorüber! Ach, vorüber!“ rufen hören, als ihr der wilde Knochenmann auf den Fersen ist. Dieses Vorüber wird noch den gesamten Gedichtband zum Begleiter, zum gegenwärtigen Verwehen der Zeit.

Flüchtig sind die Blicke dieser Dichtung. Deshalb sind sie so besonders. Welt gesehen durchs „abschiedsfenster“. Vom Zug aus sieht Schlags Sprecherin eines der wundervollsten Bilder des Bandes: „über die steilen felsen über die köpfe / von riesinnen waren haarnetze aus / stahl gespannt“. Die Dichtung verbindet hier nicht zwei verschiedene Bilder, einen Fels und eine Kopfbedeckung, die Dichtung erschafft hier eine Welt, die ohne das sprachliche Verschmelzen nicht existieren würde; diese Welt ist diese Sprache, wo sich die Größenverhältnisse verschoben haben und das Fantastische, das Märchenhafte für einen Moment Einzug hat in das Unbelebte. Im Moment des Verlassens klammert sich der Blick an etwas fest und macht es so zur Epiphanie.

Eine andere ihrer Sprecherinnen redet von einem Ort, „wo die wünsche stehenblieben in der zeit“. Schlags Gedichte halten die Zeit erstaunlich gut an und zeigen, das Standbild geht auch sprachlich. Denn es ist doch gerade das komplizierte Bild, das dem Lesefluss einen Moment lang einen Stock in die Speichen hält und nachsinnen lässt: „jeden morgen ist das altgras neu gescheitelt / und es findet sich kein vernünftiger sturm/ der die szene kurz und sündig an sich reißen // oder dem meer unterschieben würde“. Oder: „die grünen sanftkrallen winken im wind // zeigen zu mir“. Diese Kleinigkeiten, ob das neu gescheitelte Gras oder die winkenden Blätter, sie sind wie kleine Stolpersteinchen auf einem ausgemachten Weg. Man hält bei ihnen an und findet etwas Neues, nur für kurz, denn bald drehen die Speichen sich weiter, die verlangsamte Raserei ist vorüber, ach, vorüber, und dann ist „alles damals“. Dort möchten Schlags Gedichte hin: „verfolg mich in den traum“.

Ihre Sprecherinnen sind Liebende, die noch einmal lieben wollen, oder sagen wollen, dass sie einst liebten, die noch einmal Zwiegespräche halten wollen mit jenen, die sie liebten und die jetzt, nach dem reinigenden Zeitlauf des Vergehens, vielleicht sogar jene lieben können, die sie einmal waren. Man wird sein eigenes Kind mit der Zeit, man möchte sich nicht mehr loslassen. Die Hingabe, mit der Schlags Sprache beobachtet, ermöglicht es, das Selbst auf eine vergebende Art ins Zentrum zu rücken: „sterne zählen stand mir immer gut“, meint eine der Sprecherinnen und eine andere, in dem fünfteiligen Gedicht „zöpfe“, in dem ein Leben an seinen verschiedenen Frisuren erzählbar wird: „ich hatte große // sehnsucht nach dem meer: ich wollte zehn / muscheln holen und sie in den frühling flechten“. Es ist hier eine Hingabe für das vergangene Selbst spürbar, die etwas herrlich Naives und schönes Neues hat, und die davon zeugt, dass es nicht immer ganz so einfach war, man selbst zu sein: „meine / jugend war nur schwer erreichbar trotz der // langen schritte“.

Und irgendwann ist die Person aus der Vergangenheit eine erwachende, erwachsene Dichterin, die sich lernt zu mögen: „ich mag mich wenn ich wörter kenne“. Und sie kennt sie: „blauregen“, „sternenbrennen“, „sanduhrtaillen“, „kopfschnee“ – „zirkuswolken“, „zufallsmann“, „flüsterwasser“, „abendrand“ – „straßensilber, „windlied“, „sternenschwärme“. Jedes dieser Franz Mon’schen Komposita ist eine kleine zusammengeknäulte Welt, die man auffalten und zum Bild machen darf: „geschenke auf der / netzhaut!“

Die Lyrik und Prosa dieser 1952 geborenen österreichischen Evelyn Schlag macht der zweifelnden Kritik einen Strich durch die Kritik, indem sie das tut, was die Dichtung am besten tut: einfangen, feiern, erschaffen. Die zweifelnde Kritik, die sich damit aufhält, einer Dichterin ein Bild anzukreiden, ist eine Kritik der Kinderschuhe, aus denen wir längst herausgewachsen sind. Ich stelle mir eine Kritik vor, die annehmen kann, ohne umarmen zu müssen, die den Text nicht neu schreiben will, sondern alle Hände voll zu tun hat, die Kritik so zu schreiben, dass sie einen Text nicht mit der Brechstange zertrümmern oder mit dem Schuhlöffel in etwas Fremdes hineinzwängen will. Wer ein Buch liest und sich beim Lesen ein anderes Buch gewünscht hätte, liest immer das falsche Buch. Aber die Schuldverteilung liegt dann doch mindestens bei fünfzig zu fünfzig, oder?

JAN WILM

 Evelyn Schlag, verlangsamte raserei, Paul Zsolnay Verlag, Wien: 2014. 120 S., Gebunden, 16,90 €. Bestellen.