Eins | Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien.

Im Jahre 1922 lichtet sich der Nebel. Im Februar wird in Paris James Joyces Jahrhundertroman Ulysses publiziert; im März wird F. W. Murnaus Nosferatu erstmals auf die Leinwand geworfen; im Oktober publiziert T. S. Eliot eines der wichtigsten Werke der englischen Lyrik, sein mystisches, fiebriges, zerrüttetes Gedicht Das wüste Land (The Waste Land); und bevor im Pariser Dezember Jean Cocteaus Antigone uraufgeführt wird und die zwölf Monde sich verdunkeln, schließt Rainer Maria Rilke seine Duineser Elegien ab, jenen aus zehn Gedichten bestehenden Zyklus, den er zehn Jahre zuvor begonnen und an dem er über die Dekade immer wieder sporadisch und dann in heftigen Schreibschüben gearbeitet hatte. Der Zyklus ist einer der Herzschläge der modernen Ästhetik, ist in ihm die Philosophie und die Poetik des Modernismus einmal tiefgründig aufgeworfen worden, gleichzeitig aber höchst verrätselt zu Worten gebracht.

Mit einer Frage wie ein Schuss durchklirrt gleich die erste Elegie das erbärmlich übersichtliche, klare Glas der Klassik, den idealisierend-irisierend arkadischen Spiegel der Romantik – und die Moderne beginnt mit ihrem Zerrbild aus Schmerz und Klage, die Welt zu durchsplittern, denn erst durch seine Scherben ist die Schönheit in der Welt verkeilt:

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein.

Die Schönheit, sie ist erst Schönheit, weil sie gefährlich ist, weil sie in das Schauerliche und in den Schrecken ragt:

                                    Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

So ist es also gut, dass die Engel uns nicht mehr hören, nicht wahr?, dass die Engel die Erdenschönheit schon verlassen haben und wir mit ihr alleine sind. Doch schmerzt die Erde deshalb minder? Nein. Denn sie ist schön.

Was Rilkes Sprecher in der ersten Elegie beklagt, scheint noch schmerzlicher als der Schönheitsschrecken, die Schreckensschönheit, denn es rührt nicht nur die Schönheit an, sondern bohrt in den Nerv des Daseinsdilemmas selbst.

Die zehn Elegien werden in ihren schwierigen, an die Grenzen der Sprache reichenden Vorstößen stets den Tod als den Entwerter des Daseins demaskieren, der gleichgültig das Leben aus seinem Alles herauserntet, „der gärtnernde Tod“; gleichzeitig ist der Tod es aber, der dem Leben den Rahmen vorgibt. Durch die weiße Wand des Nichts ist man ins Leben gestoßen und wird in der Dunkelheit und der Stille des ewigen Seinsverbotes einmal verschwinden müssen, wenn man vom Spielen draußen heimgerufen wird.

Das Dilemma des Daseins liegt darin, dass der Mensch um seinen Rahmen weiß, er kennt ihn, wie ein Geist läuft er mit und sein Grinsen wird breiter. In der ersten Elegie wird das traurige Tier, das man Mensch nennt, als ein hilflos wissendes Wesen bezeichnet, so hoffnungslos und hilflos, weil es das hermeneutische Tier ist, weil es nicht aufhören kann zu erkunden und zu erkennen und zu erklären. Dabei erklärt es sich nur seine Endlichkeit.

Diese Wahrheit lautet bei Friedrich Nietzsche etwas früher: „In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden.“

Und noch ein bisschen früher bei Heinrich von Kleist, dem auf dieser Welt nicht zu helfen war, lautet es: „Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet.“

Dass das bei Rilke weniger nach Maulheldentum klingt als bei Nietzsche, ist nichts Neues, aber es klingt beinahe noch schöner als bei Heinrich von Klingstedt:

und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt.

In der gedeuteten Welt. Wir haben sie uns aus den Herzen gedeutet, unsere Welt. „Hiersein ist herrlich.“ – „Die Adern voll Dasein.“ So heißt es in der siebten Elegie – doch da liegt’s: Hiersein ist herrlich, weil wir es erkennen, und die Adern voll Dasein, weil alles zeitlich ist. Das auf uns zulaufende Vergessen macht aus unserem Leben den voller Spannung geladenen Moment, bevor die Tür ins Schloss fällt – jede Sekunde Leben, heißt zum letzten Mal den herrlichen Lichtspalt sehen zu dürfen. Schön, nicht?

In den größtenteils auf dem italienischen Schloss Duino nahe der slowenischen Grenze geschriebenen Elegien wirft Rilke seine komplizierte Bilderwelt gegen die Krone der Schöpfung. Die gedeutete Welt ist die entwertete Welt, we murder to dissect. Kaum eine Erfahrung, kaum eine Empfindung, so drängen die Elegien auf, ist empfindbar und erfahrbar, ohne den Seitenschritt in eine Reflexion über das Erfahrene, das Erlebte. Dieser Seitenschritt in die Differenz des gedeuteten Lebens mischt Fremde in das Selbst, aber anders kann man nicht, wenn man Ich sagen kann.

Der Generalbass der zehn Gedichte ist es, den Menschen in seiner gedeuteten Welt mit weit glücklicheren, seinsvergesseneren Wesen gegenüberzustellen – und die schmerzliche Einsicht ist es, dass eben diese Wesen die vielleicht glücklicheren sind. Heißt Glück, nicht zu wissen, dass es Glück gibt? Eben jene Engel, diese Zwischenwesen sind es, die ohne den Lebensschock Tod auskommen, sie wissen um ihn nicht und er umschließt sie nicht, sie sind frei, ihr Zeitstrahl zerstreut sich in alle Richtungen, oder er bleibt still. Durch das Ausbleiben von Lebensquantität wird die Kategorie der Lebensqualität überflüssig. „Alles / ist nicht es selbst“, wie es in der vierten Elegie heißt, wird eingeschränkt: Die Engel sind ganz Engel, und auch aus diesem Grund für den Menschen gänzlich unerträglich. Und der Mensch? Was sind Wesen, die nicht einmal sie selbst sind? Was sind Wesen, die Derartiges denken können?

Wie der Engel ist es die Figur des Kindes und sind es die Tiere, die frei sind vom Wissen, allein zum Sterben geboren zu sein. Der große Schrecken über die Leichtigkeit, mit der die Welt uns loslässt – den Kindern und den Tieren ist er fremd, und wie Jorge Luis Borges später einmal sagen wird, ein Wesen, das den Tod nicht kennt, ist für immer unsterblich.

Mit den Predigern könnte man sagen, im schönen Luther’schen Deutsch: „So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laß dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend.“ Aber der gute Rat – ja, da liegt’s schon wieder. Denn sobald die Existenz in die Bahnen eines Sinnes, eines Plans geführt wird, ist der einzige Plan die Verneinung des Sinnes derselben Existenz. Das Kind ist für kurz noch ungestört, bis der Tod ihm die Augen ins Grab hält. Aber am freiesten, am unsterblichsten sind vielleicht die Tiere. Nicht mir zur Feier also, nein dem Tier zur Feier:

Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene. Nur unsre Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.

Dieses Offene, das das Tier bei sich hat, mit der herrlichen Kreatürlichkeit der Freiheit vor dem Tod, dieses muss dem Menschen in seinen Bewusstseinsräumen verschlossen bleiben. Nur das Tier ist:

Frei von Tod.
Ihn sehen wir allein; das freie Tier
hat seinen Untergang stets hinter sich
und vor sich Gott, und wenn es geht, so geht’s
in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.

In den Duineser Elegien gelangt Rilke an Ausdruckspunkte, die so tiefschürfend ins Dasein bohren, dass die Existenzphilosophie mit ihren Korkenziehern noch mal zum Schleifstein muss. Denn den Philosophien Martin Heideggers oder Jean-Paul Sartres, denen Rilkes Aussagen in diesen zehn Gedichten, oftmals gleichkommt, hat der Dichter eben das Dichten voraus, das Bild, den Klang, die Montage von Zerbrechlichem und Zerbrochenem.

Die Duineser Elegien sind so wirkmächtig, so unfassbar groß, weil sie, wie die bedeutendsten Kunstwerke, immun sind gegen das Verstehen. So freu dich, Leser, dass du hier zehn Gedichte vor dir hast, die inhaltlich und ästhetisch eine ganz eigene Offenheit darbieten, die du mit allen Augen sehen kannst – und für einen Moment kannst du träumen, dich anträumen gegen jedes Wissen von Abschied, gegen jede Gewissheit vom Grab – das genaue Hinlesen, das genaue Hinschauen ist zwar ein zum Scheitern verurteiltes Mittel gegen die Endlichkeit, aber ein Mittel ist es dennoch.

„Ich bleibe dennoch. Es giebt immer Zuschaun.“

JAN WILM

Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, Bibliothek Suhrkamp 468, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 1975. 84 S., 12,95€. Bestellen.