Dez 2015 | Ror Wolf

Ror Wolf, Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember.

Man könnte mal Cézanne befragen: „Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“ Ror Wolfs neuer Gedichtband Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember, mit herrlichen und unveröffentlichten Collagen des Autors veröffentlicht (herrlich!), versammelt Gedichte von 1959 bis 2014, wobei der Großteil der Texte zwischen 2009 und 2014 entstanden ist – und jedes Gedicht ist ein Juwelenstein, ein montiertes Prisma, jedes ein glänzendes Gewinkel, in dem die Zeit und die Welt gebrochen und neu zusammen geleuchtet werden. Es tauchen neue und alte Bekannte auf, wie der Abenteurer Hans Waldmann, der in den Moritaten um ihn aus den 1980er Jahren nicht verschwinden wollte – „schluß mit waldmann. ende. undsoweiter.“ – und nun in zwei großen Zyklen sein „endgültiges Verschwinden“ verkündigt: „Hans Waldmanns endgültiges Verschwinden“ und „Fünf letzte Versuche Hans Waldmann endgültig verschwinden zu lassen“. Der Zyklus über die fünf Versuche besteht – vielleicht selbstverständlich – aus sieben Versuchen.

„Das Zergehen, das Zerfließen, das Verschwinden“, heißt es in einem der Gedichte: „Das Verschwinden, das Zerfließen, das Zergehen.“ Ja, sie ist ein Winterband, diese Gedichtkollektion des Wolfs, eine Collage über die Kälte der letzten Jahreszeit – „Der tiefe Winter und die fette Glätte“ –, darüber, wie alles verschwindet – „Alles fällt herab auf dieser Welt“ –, wie alles, in Entropie begriffen, in die Asche drängt. Und wieder aus ihr herauskriecht, im Dezember:

Dort saß ich dann noch eine Zeit in der Tiefe
der Nacht in der Nacht und trank eine Flasche
und etwas kroch weich aus der Hosentasche
des Kellners der dalag als ob er schliefe
am Boden in der Zigarrenasche.

Ob in seinen Gedichten, in seinen Romanen, den Hörspielen, den Collagen und Montagen, in seinen Einblicken ins zerschnetzelte Leben des Raoul Tranchirer oder in den Abenteuern seines Waldmann ist alles, jede Geste, jedes Wort, herausgeschnitten aus einem größeren Ganzen, ein Eingriff in die Ordnung der Dinge, ein Herauslösen aus alten Schalen in neue Formen; alles ist – „vom nackten Anfang bis zum nackten Ende“ – immer ein Anfang und ein Ende zugleich. Ästhetisch ist es die Collage – das Montieren, das Zerschneiden und das Zusammenkleben –, die für einen Moment lang die Unmöglichkeit des Existierens möglich macht. In einem alten Gedicht über Hans Waldmann heißt es einmal: „wie erträgt man, ruft er, dieses leben? / und man sieht ihn in die tiefe schweben.“ Ror Wolfs Antwort auf diese Frage ist immer gewesen: Schreiben.

Das Enden, das Verschwinden, das Zerfließen, das Zerplatzen der Zeit – sie gelten beschrieben zu werden, das weiß selbst der alte Waldmann heute noch: „Ich möchte jetzt beschreiben / wie die Welt zerfällt in dünne Scheiben“. Und diese Gedichte, die durchzogen sind von Bewegungen nach Nichts, sind immer und immer voll Musik: Die Bewegung nach Nichts bleibt Bewegung, der letzte Lungenzug ist noch ein Tanz mit der Luft. Die Umkehrung daraus aber muss ebenfalls Gehör finden, denn ist jedes Erschaffen ein donnerndes Nein gegen die Zerstörung, so ist alles, was entsteht auch Teil der Zerstörung.

In Ror Wolfs Literatur war all das immer schon zu entdecken, aber noch vieles mehr. Er lässt fantastische, absurde, surreale Welten entstehen, ausstaffiert mit lustigen und listigen Requisiten und Personen, in denen es sich zu verschwinden lohnt, und dabei sind seine Sprache, sein Klang, seine Bilder von gleißend kühler Schönheit, die unter die Haut kriecht, wie Hans Waldmann „der schwarze Lärm der Krähenschwärme“ in den Körper kriecht.

In den Gedichten wird das Ende ausgedehnt, ausgerollt und ausgelegt und neu zusammengesetzt und man scheint sich in eben jenen exquisiten Momenten des Seins zu befinden, da etwas kurz davor ist umzuschwingen, wo der Sprung des Fisches aus seinem Wasser in die kristallene Sonne des Tages am höchsten ist, bevor das Sinken beginnt, wo die Zeit am vollsten ist mit Herrlichkeit, bevor sie vollgesaugt zerplatzt. Dies ist die aufgeladene Zeit, die Sedimente des Vergangenen sind satt und fett mit Leben:

Und Schluß und weiter nichts Erwähnenswertes,
nur etwas Ausgeleertes, Abgekehrtes,
nur Kerben, Scherben, Scherben und Verderben.
Und ich bin viel zu alt um schon zu sterben.

Was der 1932 geborene Dichter, der einer der wichtigsten und schönsten Zeilenzauberer dieser deutschen Sprache ist, hier bietet, ist ein Vorratshaus aus Versen, ein solcher Reichtum aus Bildern und Tönen, dass man sich beinahe etwas dafür schämt, am Leben sein zu dürfen und etwas derartig Schönes lesen zu können.

Das schwarze Fleisch, die tiefen leeren Flaschen,
der Dichter schwimmt in einer Flüssigkeit,
mit einem wilden Sprung, mit einem raschen,
springt er heraus aus der Vergangenheit.
Und morgen bleibt es wie es heute war,
wie im Dezember, wie im Januar.

So könnte es doch eigentlich immer weitergehen, nicht?

JAN WILM

Ror Wolf, Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember, Frankfurt am Main: Schöffling & Co., 2015, 128 S., Leinen, 24,95 €. Bestellen.