Dez 2015 | James Baldwin

James Baldwin, Giovannis Zimmer.

Es gibt wenige Autoren, die schon zu Herzensschriftstellern werden, wenn man nur einige Zeilen von ihnen liest. James Baldwin gehört in diese ausgelesene Kategorie, und sein Roman Giovannis Zimmer (Giovanni’s Room) von 1956 ist der beste Zutritt in ein Werk voller Meisterwerke. Der zweite Roman des amerikanischen Autors reiht sich ein neben den schmerzvollen Schrei, der sein Erstling war, Gehe hin und verkünde es vom Berge (Go tell it on the Mountain, 1953), neben den fulminanten, gigantischen Roman über den Jazz, Eine andere Welt (Another Country, 1962) und in ein weites Oeuvre aus Erzählungen, Theaterstücken, Gedichten und Essays, die den Schmerz und das Leid durch Rassentrennung und Homophobie in den USA und der ganzen Welt aushöhlen und aus dem Vakuum der Verzweiflung den Trost und die Ektase der Kunst hervorschürfen.

James Baldwin wurde 1924 geboren und starb 1987. Er wuchs auf in einer Familie, die von der Geschichte ihres Landes verhärtet war – Baldwins Vater war der Sohn eines Sklaven – und in einer Familie, die zutiefst religiös war. Mit nur 14 Jahren wurde Baldwin zum Prediger, und blieb es, bis er 17 war. Der Autor, der einst sagte, man meint, der eigene Schmerz und das eigene Leid sind beispiellos in der Geschichte der Welt, und dann fängt man an zu lesen, begann schon bald zu schreiben. Früh schon die Rettung der Literatur gefunden, publizierte er mit 29 Jahren sein Debut, Go tell it on the mountain, das er in einem abgelegenen Chalet in der Schweiz, lediglich mit Schallplatten von Bessie Smith und einer Schreibmaschine bewaffnet, nach zehn Jahren der falschen Versuche in einem Furor beendete und dabei erinnert war, wer er war – und so zu sich selbst fand.

Die oft febrile Prosa seines Debuts, die glühenden Bilder, die in Einsamkeit und Melancholie getränkten, lodernden Worte, sind ebenfalls der Glutkern von Giovannis Zimmer. Sein zweiter Roman ging hervor aus Baldwins Zeit in Paris, seiner Flâneurerei in der Seine-Bohème und seinem freien Leben als Homosexueller, das die Konvention der amerikanischen Fünfziger und die religiösen Korsette des Konservatismus unmöglich gemacht und mit tiefer Scham durchschossen hatten. Giovannis Zimmer erzählt eine einfache Geschichte eines zerstörten Herzens, die so beginnt:

Ich stehe am Fenster dieses großen Hauses in Südfrankreich, während die Nacht anbricht, die Nacht, die mich dem schrecklichsten Morgen meines Lebens entgegenführt. Ich halte ein Glas in der Hand, die Flasche ist in Reichweite. Ich betrachte mein Spiegelbild in der matt glänzenden Fensterscheibe: eine hochgewachsene Gestalt, schmal wie ein Pfeil, mit schimmerndem blondem Haar. Mein Gesicht unterscheidet sich in nichts von vielen anderen Gesichtern. Meine Vorfahren haben einen Kontinent erobert, sind über todesschwangere Ebenen vorgedrungen, bis sie an einen Ozean kamen, hinter dem, fern von Europa, eine dunkle Vergangenheit lag.

Das erzählende Ich des Romans – ein protestantischer, junger, weißer Amerikaner – ist David, aus einem verworrenen Familienschmerz nach Frankreich geflüchtet, wo er durch Schwulenbars treibt, trinkt, denkt und sich durch Nächte und Betten schleicht, immer mit sehnenden Augen und auf der Suche nach Liebe. Wer David ist, bleibt ihm verborgen, doch seine Suche nach Liebe bleibt eine Suche nach sich selbst. Denn Davids Ich ist aufgespalten, einerseits gebunden an eine konventionellere, bürgerliche Zukunft mit seiner Verlobten Hella, die ihn gerade für eine Reise durch Spanien für einige Zeit allein in Paris zurückgelassen hat – und andererseits hingezogen zu einem Leben, das seinen Drang nach Freiheit einlösen würde, einem Leben mit Giovanni, den David sein Leben lang wiedersehen wird, „so wie er war in jener Nacht, so gewinnend, so lebendig“. Baldwin parallelisiert die Suche nach der Liebe und die Suche nach dem Ich auf eine Weise, dass das Finden des einen für das Finden des anderen stehen kann, ohne dass es in so vielen Worten ausgedrückt werden müsste – und das Scheitern des andern für das Scheitern des einen.

Vielleicht wollte ich mich selbst finden, wie wir in Amerika sagen. Diese interessante Redewendung, die meines Wissens in keiner anderen Sprache gebräuchlich ist, darf natürlich nicht im wörtlichen Sinne verstanden werden; sie umschreibt den quälenden Verdacht, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist.

Die Literatur ist das Enthüllungslicht des tristen Lebens, und weil das Leben ein trauriger Zeitstrahl ist, punktiert mit Momenten von Herrlichkeit und Schönheit, ist die Literatur der Ort, an dem vieles nicht in Ordnung ist. Schon früh lässt der Roman erkennen, vieles ist nicht in Ordnung, als David zurückblickt aus der Gegenwart seines Hauses in Südfrankreich auf seine Zeit in Paris, da er noch umherstreunte von Bar zu Bett und Bett zu Bar – und dass Giovanni für immer eingeschlossen ist in dieser Vergangenheit wie das Insekt in seinem Bernstein, wie die Mumie in ihrem Moor. Giovanni ist fort, Giovanni ist die Vergangenheit, die mehr und mehr auch David umschließt, die Zeit, in die er nicht mehr zurücktauchen kann, obwohl sie ihm ständig vorgehalten bleibt.

Der Rückblick auf diese Vergangenheit, der den Roman in einen Rahmen fasst, zeigt die Tragödie von Davids Existenz. Als sie sich kennen lernen, kommen David und Giovanni ins Philosophieren, so naiv und poetisch wie es nur in der Jugend und in nächtlichen Bars möglich scheint, und Giovanni sagt seinem Freund:

Ich glaube nicht an diesen Unsinn mit der Zeit. Zeit ist etwas ganz Normales, sie ist wie das Wasser für den Fisch. Jeder schwimmt in diesem Wasser, niemand kommt raus, oder wenn einer rauskommt, passiert ihm das gleiche wie dem Fisch: Er stirbt.

Sähe man Giovanni also stehend für die vergangene Zeit in Davids Leben und somit für das Wasser, in dem David einst schwamm, so wäre David heute, in seinem Haus in Südfrankreich, der Fisch, der diesem Wasser entnommen wurde, und was geschieht mit diesem Fisch, der noch eine Weile lang zappelt und um Luft ringt an der Luft?

Das Allegorische und Symbolische Potenzial der Literatur James Baldwins ist ungeheuerlich, und er nutzte es in Roman um Roman immer wieder, um zu zeigen, wie die kleinsten Gesten und die banalsten Worte Teil sind einer größeren emotionalen und sozialen Bedeutung, und er nutzte es, um zu zeigen, wie Menschen gespalten sind, zu jeder Zeit auch anwesend in einer anderen Zeit, ob im Herzen oder im Gedanke, an jedem Ort auch an einem anderen Ort. Was ist dieses Tier, das Mensch heißt, das also immer nirgends ist, und niemals? Nichts Geringeres waren die Titanenthemen des James Baldwin. David Leeming schreibt in seiner glänzenden Baldwin-Biographie:

Die Romane sind am besten beschrieben als moderne Parabeln – oder als Segmente einer langen Parabel –, in denen die zentralen Figuren gequälte Täter sind oder die Opfer jener persönlichen Einschränkungen und größeren sozialen Probleme, die Baldwins Hauptangelegenheiten sind.

David strampelt und zappelt in den Gewässern der Zeit und der Liebe, fühlt sich selbst gequält in jenem kleinen Zimmer Giovannis, in dem die beiden für eine Weile lang zusammenleben: „Das Leben in jenem Zimmer schien sich, wie gesagt, unter Wasser abzuspielen, und es steht fest, daß sich auf dem Meeresgrund eine entscheidende Veränderung in mir vollzog.“ Die Veränderung, die David spürt, scheint das Aufkommen der Liebe, und sie dramatisiert die Gefahr, die Liebe nicht zu erkennen, sie nicht zu wagen, und welche sekundären Gefahren die Unfähigkeit zu lieben ins Rollen bringt. „Die Liebe ist der Kern von Baldwins Philosophie,“ schreibt Leeming. „Liebe kann für Baldwin nichts Sicheres sein; sie geht einher mit dem Risiko der Verbindlichkeit, dem Risiko, die Masken und Tabus herunterzureißen, welche die Gesellschaft uns auferlegt.“

Baldwins zweiter Roman ist in Deutschland nie richtig angekommen – vielleicht meinte man ihn zu sehr auf amerikanische Belange zugeschnitten, was der Wirkweite dieses episch anmutenden Werkes keinesfalls gerecht wird. Von Axel Kaun und von Hans-Heinrich Wellmann in der bisher einzigen deutschen Übersetzung in den 1960ern bei Rowohlt verlegt, war der Text lange nur noch antiquarisch erhältlich, bis die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher ihn endlich neu auflegte. Die manchmal hinkende deutsche Übersetzung sollte erstens nicht daran hindern, dieses unglaubliche Kunstwerk kennenzulernen, oder sollte zweitens antreiben, Baldwin im Original zu lesen, wo seine Sprache glänzt mit der exquisiten Zärtlichkeit und Empfindsamkeit, die David spürt, wenn er zum ersten Mal einen Menschen umarmt mit etwas, das wie Liebe sein könnte: „It was like holding in my hand some rare, exhausted, nearly doomed bird which I had miraculously happened to find.“ Voilà.

 JAN WILM

James Baldwin, Giovannis Zimmer, aus dem Amerikanischen von Axel Kaun und Hans-Heinrich Wellmann, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1963, 224 S. — Neuauflage in der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher, Edgar & Bach, 2015, 160 S., €10,00. Bestellen.