David Constantine | Wie es ist und war

David Constantine, Wie es ist und war.

Die enorme Erzählkunst, die plötzliche Explosion von Einsichten in tiefste Figurenkerne, die elegante metaphorische Schärfe des Erzählers, Dichters und Übersetzers David Constantine sind hierzulande noch einem viel zu kleinen Kreis bekannt. Der 1944 in Salford, England geborene Autor lehrte Jahrzehnte lang deutsche Sprache und Literatur in Durham und Oxford, übersetzte Hölderlin und Kleist und Brecht, und legte eine Reihe von Lyrikbänden, Erzählbänden und Romanen vor.

Während eine Reihe von Constantines Gedichten in sehr schönen Übersetzungen von Johanna Dehnerdt und Hauke Hückstädt im Wallstein Verlag publiziert wurden (Etwas für die Geister, 2007), erscheint im Kunstmann Verlag nun erstmals eine Auswahl von Constantines Erzählungen in dem wunderschön aufgemachten Band Wie es ist und war, in Dirk van Gunsterens kongenialen Übertragungen.

Constantine bekannteste Erzählung „In einem anderen Land“ eröffnet diese Geschichten-Schatztruhe. Sie erzählt aus dem späten Leben von Mr und Mrs Mercer, deren Ehe eine routinierte, eingespielte Geschmeidigkeit besaß, die im Alter noch einmal arretiert, wenn Mr Mercer, am Frühstückstisch sitzend, seiner Frau aufgelöst unterbreitet: „Man hat sie gefunden, sagt er. Wen gefunden? Die junge Frau. Welche junge Frau? Von der ich dir erzählt habe. Was für eine Frau? Katja. Katja?“ Auf dem Tisch liegt ein deutsches Wörterbuch, für das eine Tasse Tee bei Seite geräumt wurde. Der britische Tee macht Platz für die deutsche Sprache, eine Sprache aus Mr Mercers Vergangenheit, die noch einmal in seine britische Gegenwart einbricht.

Auf eine reduzierte, subtile, doch nicht weniger leidenschaftlich und psychologisch tiefgründige Weise entblättert Constantine die Schalen des Zusammenlebens eines alten Paars, dessen sichere Gemeinsamkeit nun nurmehr zur Frage geworden ist. Katja, eine deutsche Jüdin und die Lebensgefährtin des jungen Mr Mercer, stürzte bei einer Alpenwanderung durch ein Schneebrett in eine Gletscherspalte hinab, und er sah sie nie wieder, fand zurück in sein Leben, das zu einem anderen Leben wurde. Und heute ist nicht der Blick in die Zukunft der Tod, sondern der Blick in die Vergangenheit: „Der Schnee auf dem Eis ist geschmolzen, sagte er. Man kann hineinsehen. Und sie ist noch immer da, genau so, wie sie damals war.“

Die Erzählung, die kürzlich von Andrew Haigh mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay als 45 Years (2015) verfilmt wurde, öffnet den Vorhang auf ein menschliches Schauspiel, das mit kerngenauem Blick, gelassenem Humor und einer ausgeschliffenen Sprache Erzählung um Erzählung das schöne und seltsame Menschsein durchforstet und durchforscht.

Am kommenden Mittwoch, 15.11.2017, spreche ich mit David Constantine in der Romanfabrik Frankfurt (Hanauer Landstraße 186, 20 Uhr) über seinen Erzählband Wie es ist und war, aus dem er auch lesen wird. Die Veranstaltung findet in deutscher Sprache statt. Weitere Informationen hier.

David Constantine, Wie es ist und war. Erzählungen, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, München: Verlag Antje Kunstmann, 2017. Bestellen.