Clemens J. Setz | Der Trost runder Dinge

Clemens J. Setz, Der Trost runder Dinge.

Sprach John Steinbeck damals nicht mit Franz Kafka, als er sagte: „Es gibt Erlebniswelten, die wir nicht betreten können“? Und nickte Kafka nicht mit seinem schmalgefletscherten Kopf und sagte zustimmend: „Die ungeheure Welt, die ich in meinem Kopf habe“? Nein. Aber die beiden unterhielten sich damals über Clemens Setz, der 1982 in Graz geboren wurde. Er studierte Mathematik und Germanistik, für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und diese Arbeit umfasst bislang vier Romane, zuletzt im Jahr 2015 Die Stunde zwischen Frau und Gitarre; darüber hinaus erschienen Gedichte, Essays, er übersetzte, und er veröffentlichte – frei nach Fellini, der seinen berühmten Film 8 ½ nannte – Clemens Setz veröffentlichte zweieinhalb Bände mit Erzählungen, Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes aus dem Jahr 2011 und in diesem Jahr Der Trost runder Dinge. Was hier unfairerweise als ein halber Band beschrieben wurde, geschah keinesfalls aufgrund halber Qualität, im Gegenteil: Es handelt sich hierbei um das wunderbare Experiment mit dem Titel Glücklich wie Blei im Getreide, ein Erzählband, der Nacherzählungen von Geschichten umfasst, die Clemens Setz als junger Mann geschrieben hat, und dieses Buch, wie alle anderen Bücher des Autors, sind ausdrücklich zur Lektüre empfohlen.

Der Trost runder Dinge nun versammelt 20 Erzählungen, eine runde Zahl, doch nicht nur aus diesem Grunde sind diese Erzählungen, die sich auf vielfache Weise mit Trost, mit der Suche nach und dem Scheitern von Trost beschäftigen – diese Erzählungen selbst sind aus vielen Gründen tröstlich. Warum sind sie das, wo sie sich doch an vielen Punkten mit versehrten Seelen, verletzten Körpern, verlassenen Menschen und verlorenen Kindern beschäftigen? Die einfachste und vergröberte Antwort ist natürlich jene, dass vielleicht kein bedeutendes Kunstwerk, ganz gleich, welches Thema es berührt, wirklich deprimierend erscheinen kann. Noch die abgründigste Geschichte kann als tröstlich betrachtet werden aufgrund der ästhetischen Gegenwelt, die sie produziert. Jede Erzählung in diesem Band ist ein solches Kunstwerk, das aufgrund des bald lyrischen, bald humorvollen, zärtlichen, zerbrochenen oder ironischen Stils selbst tröstlich wirkt.

Gleichwohl ist das Figurenpanorama der Erzählungswelten von Clemens Setz stets auf der Suche nach Trost, und man kann beim Lesen eine melancholische Wahrheit über fiktionale Figuren allgemein gewinnen. Weil sie in Sprache, in der Kunst, existieren, sind sie zwar geschützt vor den Gefahren und Gewalten unserer Wirklichkeit, doch anders als wir sind sie dabei auch nicht in der Lage, ihr eigenes Leben als tröstlich in dem geschilderten Sinn zu betrachten, da sie ihr Leben nicht als Literatur, nicht als Kunst, betrachten und erfahren können.

So müssen sie ihre Trostreservoirs auf andere Weise auffüllen. Zum Beispiel durch runde Dinge. In der Erzählung „Geteiltes Leid“ lernen wir einen alleinerziehenden Vater zweier Söhne kennen, der an panischen Angstzuständen leidet und einerseits große Angst hegt, diese Krankheit an seine Kinder vererbt zu haben, andererseits aber auch Erleichterung dabei empfindet, sich vorzustellen und ansatzhaft zu erleben, dass er vielleicht nicht mehr ganz alleine an dieser einkapselnden Krankheit leiden muss. An einer Stelle der Erzählung führt der Vater eine Liste der Dinge an, die ihn während seines angstgequälten Lebens trösten, und da heißt es zum Beispiel neben der „hasenartige[n] Schnauze eines Kängurus“ trösteten ihn „der Anblick von Auberginen und Tomaten, überhaupt runde Sachen“.

Durch den Titel des Buches und diese Erzählung zu Beginn des Bandes, wird der Trost durch runde Dinge zu einem Motiv angehoben, das die Erzählungen nicht nur subtil miteinander verbindet, sondern auch dazu führt, dass wir Lesenden an Punkten Trost finden, wo er nicht explizit erwähnt wird, sondern lediglich durch die motivische Andeutung eines Balls oder einer Orange Trost imaginieren und vielleicht empfinden.

Und die Figuren der Erzählungen haben, wie die Menschen der Wirklichkeit, sprich wir, sie haben Trost nötig. So finden wir in dieser wunderbaren Sammlung Erzählungen einer Frau, die ihren Sohn nach einem Unfall auf eine vielleicht unkonventionell anmutende Weise betreut: Der Sohn liegt katatonisch in einem Bett, und die Frau bestellt sich Escort-Männer und bittet sie, mit ihr vor dem Jungen zu schlafen; nicht weil sie eine Perversion verfolgt – obwohl naturgemäß nichts gegen Perversionen einzuwenden ist –, nein, sie verfolgt einen anderen Zweck, denn sie schöpft Trost daraus, dass die Männer dies ablehnen, da die Männer der Meinung sind, der Sohn bekomme ganz bestimmt etwas mit. Durch diese über Bande gespielte Einsicht schenkt sich die Frau das bestätigte Leben ihres Sohnes.

In einer anderen Erzählung, betitelt „Frau Trieger“, sucht sich eine Schulkrankenschwester mit diesem Namen Trost in einem Jungen der Schule, nachdem sie ihre Anstellung verliert. Und die Geschichte hält sehr vieles sehr vage, nämlich ob die Frau auch dem Jungen Trost stiftet, nachdem seiner Mutter etwas zugestoßen ist, oder ob der Trost dieser Frau auf dem Weg zum Trösten in eine Lüge und Gewalt gekippt ist.

Überhaupt sind diese Erzählungen Ausnahmeerscheinungen in einer deutschsprachigen Literaturwelt, die häufig in Richtung des Konkreten und Ausbuchstabierten driftet – oder der Illusion dessen. Bei Clemens Setz dagegen bleibt vieles auf bewegende und hochkomische Weise in der Schwebe. Und immer wieder sind es bei allem die ganz kleinen Details, Dinge, Gesten, Stimmungen, Töne und winzige Momente, die den Figuren als tröstlich erscheinen. Für sie findet Clemens Setz unvergleichlich schöne Bilder und Wendungen, und beinahe auf jeder Seite macht er diese Trostmomente so auch für uns Lesende erfahrbar. Es heißt beispielsweise: „Als ich in unserer Straße ausstieg, roch es schon nach Abend, nach frisch geläuteten Glocken.“ Oder: „Wie alle Menschen begegnete Zweigl jedes Jahr seinem zukünftigen Todesdatum, ohne es zu wissen.“ Oder, der magischste Satz in diesem magischen Buch: „Die Bäume bewegten sich wie träumende Giraffen.“

Clemens J. Setz, Der Trost runder Dinge,  Gebunden, Berlin: Suhrkamp 2019, 320 S., 24,00 €. Bestellen.