Books, Belly Up

Books, Belly Up.

Der Buchmarkt schwimmt bauchaufwärts. So erzählte mir vor kurzem zumindest eine Bekannte, mit der ich früher einmal besser bekannt war, die inzwischen allerdings nicht mal mehr den Beinamen „Bekannte“ verdient hätte. Warum nicht? Wegen des Buchmarkts? Ja, auch. Denn, so begann diese Bekannte, in den letzten sechs Jahren habe der Buchmarkt mehr als sechs Millionen Buchkaufende verloren. Was das mit mir zu tun hat? Here goes: „Die jungen Leute lesen ja nicht mehr“, zischte sie. „Ich glaube, so einfach ist das nicht“, entgegnete ich, worauf sie aus dem Börsenblatt zitierte (hatte sie diese Materialien immer bei sich?): „8,9 Millionen Kunden, die 2014 und 2015 noch mindestens ein Buch gekauft hatten, kauften 2016 keines“, las sie von einem gelben Blättchen ab.

„Ich habe von diesen Zahlen gehört“, sagte ich und schlürfte einen Schluck Kaffee: „Aber warum erzählst du mir das?“ (Nach dem Treffen gingen wir übrigens wieder zum Sie über.) „Na, weil Bücher wichtig sind“, sagte sie, „aber immer weniger Relevanz haben, gesellschaftlich. Stichwort: Medienkonkurrenz.“ Ich sagte nicht, dass ich die Floskelformel Stichwort: irgendetwas eigentlich für ein Zeichen von rhetorischer Pauperität halte. Stattdessen sagte ich: „Mir ist das alles viel zu einfach. Natürlich verbringen junge Menschen mehr Zeit vor Bildschirmen, aber sie lesen an diesen Bildschirmen eben auch. In der ganzen Debatte um den Untergang des Buchmarkts und die Verrohung des Lesens fehlt mir die Differenzierung, einerseits zwischen wer kauft Bücher und wer liest Bücher und wer kauft keine Bücher und liest sie aber trotzdem; und andererseits allgemeiner zwischen Buch und Literatur und zwischen verschiedenen Formen des Lesens – also dem Lesen von Zeitungen (egal ob gedruckt oder gepixelt), dem Lesen von Romanen, dem Lesen von Blogs oder dem Lesen von Kurznachrichten oder sonstwas. So einfach zu sagen, es wird nicht mehr gelesen, ist einfach falsch und zeugt darüber hinaus von medialer … Einfachheit.“ Ein Schweigen breitete sich aus, das ich brach, indem ich sagte: „Wenn weniger Bücher verkauft werden, was ja der Fall ist, dann ist es doch weniger hilfreich zu sagen, es wird nicht mehr gelesen als zu fragen, wie kann man dem Ganzen abhelfen, also zu fragen, was sind die Gründe neben dem beschworenen information overload und der gesellschaftlichen Beschleunigung und der abnehmenden Konzentrationsfähigkeit oder dem Ausbleiben von ernstem, vertieftem Lesen, wie das Börsenblatt eine Studie ja summierte.“ (Ich musste all das nicht von einem gelben Blättchen ablesen.)

„Die Gründe?“, fragte sie. „Ein Grund bist in jedem Fall du.“ Ich schnaubte: „Ich?“

„Ja, du als Buchblogger. Wer heute liest, hat einen Blog. Und wer einen Blog hat, kann Bücher lesen, ohne sie zu kaufen. Blogs sind Fankulturen. Und Fans sind eigentlich die besten Käufer, deren Kaufkraft man aber willentlich vernichtet, indem man ihnen die Briefkästen vollsendet, ohne dass sie einem durch gute Besprechungen die Geldbeutel vollfüllen.“

Ich zuckte mit den Schultern: „Und was sollen wir daraus ableiten? Keine Freiexemplare mehr für Blogger? Ein Art Captcha-System, mit dem ich beweise, dass ich nicht ausschließlich Rezensionsexemplare bestelle, sondern auch weiterhin artig Bücher kaufe? Wie soll das funktionieren? Und warum sollte das dann nicht auch Kritiker für Zeitungen und fürs Radio betreffen? Das meiste, was an Rezensionsexemplaren in den Redaktionen eintrifft, bleibt doch ebenfalls nur Exemplar, ohne Rezension.“

„Naja,“ sagte sie und faltete ihr gelbes Börsenblättchen zusammen, „deswegen habe ich da auch eine Idee: „Zwangskäufe.“ Sie hob erwartungsvoll die Augenbrauen, aber ich ließ sie nur weiterreden: „Alle Blogger und Bloggerinnen, die ein Freiexemplar von einem Verlag haben wollen, bekommen dieses nur dann, wenn sie aus dem Gesamtkatalog des Verlags ein anderes Buch bestellen, ganz egal welches, neu oder alt, high oder low. So würde man ernster darüber nachdenken, was man lesen und rezensieren will und was nicht, und vermutlich würde man sogar wieder vertiefter lesen. Und für jedes Rezensionsexemplar würde immer auch ein Buch verkauft.“

Kopfschüttelnd zahlte ich für mich und die Vertreterin vom Politbüro, und seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Allerdings lese ich jetzt regelmäßig in ihrem Blog.