Aug 2015 | Marilynne Robinson

Marilynne Robinson, Lila.

„Das Kind war einfach da im Dunkeln auf der Veranda“. Die leichten Eröffnungsworte, die Marilynne Robinsons dritter Roman in ihrer vielgefeierten Gilead-Reihe wählt, sind gewöhnliche Worte eines zarten Staunens über zunächst alltäglich wirkende Weltenphänomene und sie machen Lila schlichtweg zu etwas ganz Außergewöhnlichem.

Das fiktionale Werk der 1943 geborenen und bisher in Deutschland kaum bekannten Marilynne Robinson umfasst gerade einmal vier Romane. Viele Autoren sind alte Kinder, behalten sich den verwunderten Blick und spielerischen Übermut bei, und viele von ihnen kommen erst spät zum Schreiben. Robinsons ersten Roman legte sie mit 37 vor und darauf folgte eine lange, vierundzwanzig Jahre währende Romanpause, in der Robinson allerhand Essays und Sachbücher verfasste und an Universitäten lehrte. Was muss in dieser Spanne, abseits von der ganz bestimmten Muße, die von der Fiktion gefordert wird, mit ihrer Sensibilität geschehen sein, wunderte sich Colm Tóibín jüngst in einem Essay über Lila. Hier haben wir eine Sensibilität, die sehr ruhig und zart, langsam und gelassen das einfache Leben einer jungen Frau erzählt, wie sie aufwächst, was sie durchlebt, was sie wünscht und träumt, wie sie leidet und zu lieben lernt. Lila erzählt die Geschichte von Lila, die als Kind von einem älteren Mädchen von ihrem Zuhause fortgenommen wird, in dem das Kind nicht gewünscht ist. Es ist eine teils mütterliche, teils schwesterliche Bindung, die sich zwischen Lila und Doll entwickelt, während sie sich durch die Zeit der großen Depression und des Dust Bowl durch die Great Plains der USA schlagen.

Robinson erzählt all das auf eine einzigartig scheinende Weise, mit einer ans Feierliche rührenden Sensibilität, die neben all dem beschriebenen Schmerz, der Einsamkeit, der Armut und Verzweiflung, mit fast pantheistischer Grazie das Alltägliche zu ästhetischen Erfahrungen anhebt, wie wenn es heißt:

Also blieb Lila einfach, wo sie war, sah zu, wie die Laternen schwankten und wie Licht und Schatten über die Bäume liefen und liefen, gewaltige Schatten und seltsames Licht unter einem blauen Abendhimmel.

Diese Whitman’sche Hinwendung zu den Dingen als eine Fürsorge des Blicks, durch die jedem Grashalm, jedem Blatt, selbst dem Staub auf der Welt eine sprachliche Feier zukommt, speist Robinsons Erzählerin aus zwei Dingen, einmal aus dem Religiösen und einmal aus der Langeweile, und vielleicht gehören diese zwei Dinge auch ein wenig zusammen. Aber eins nach dem andern.

Robinsons gesamte Gilead-Reihe ist geprägt von der Religion, von Dialogen zusammen und Nachdenklichkeit allein über Glaube und Gott. Wenn Lila den Ort Gilead im Staate Iowa betritt, sich nach ihrem Fortgehen von einer lose zusammengeknüpften, inoffiziellen Familie im Haus und Garten eines calvinistischen Reverends arbeitet und bald zu seiner Frau wird, dann ist das Thema, das ihre Gedanken beschäftigt und bald die Gespräche dieser beiden in Alter und Herkunft allzu unterschiedlichen Menschen bestimmt, meist nur eines: die Religion. Lila, die der Religion und ihrem Missionieren gegenüber skeptisch ist, fordert den alten Reverend immer wieder dialogisch heraus, und während er seine leisen Zweifel am Glauben teilt, lernt sie, dass der Zweifel ein Teil des Glaubens ist. Die Dimension des Religiösen, die Robinsons Roman eröffnet, steht fernab vom Predigen. Die Figuren missionieren nicht und der Roman tut es ihnen gleich. Er teilt bloß kunstreich mit, welche Erfahrungen mit dem Religiösen, mit dem persönlichen Glauben und mit der organisierten Religion, diese Menschen hatten und was sie ihnen bedeuteten, wie in einer rührenden Szene, da Lila sich auf dem Weg nach Gilead befindet, der in Rückblenden erzählt wird – der Roman entrollt geschickt seine umgekehrte Chronologie, in der die interessantesten Erlebnisse aus Lilas Vergangenheit zum Schluss der Erzählzeit des Textes enthüllt werden. Auf dem Weg nach Iowa wird Lila von einer jungen Unbekannten im Wagen mitgenommen, „eine ordentliche, sommersprossige, kleine Frau mit Haarknoten.“ Während das Land lautlos an ihnen vorüberzieht und kein Gespräch sich entwickeln mag, versucht Lila etwas Smalltalk über das Kino, und die junge Frau antwortet, sie dürfe keine Filme sehen, ihr Glauben verbiete es.

Wie der Wagen langsam vor sich hin stottert, breitet die junge Frau gemächlich etwas aus über ihre Religion, ihre Angehörigkeit zur strengen Kirche des Nazareners, bis sie sagt: „Wir von der Gemeinde missionieren. Das heißt, dass ich eigentlich versuchen soll, Sie zum Glauben zu führen. Aber ich lasse es, wenn Sie nicht wollen.“ In ihrer Einstellung ist auch jene des Romans konzentriert, erzählt das Buch doch voller Hinwendung ganz gelassen nur die einfachen Gesten des Glaubens, wie sie Ritual oder Hoffnung sind und schließlich zur Gewohnheit werden, und dabei geben sie dem Roman eine Erzählbewegung, die selbst wie etwas Gewohntes wirkt, man wird bald darin heimisch, ohne sich gefangen zu fühlen. Indem sich die Erzählerin immer wieder um einige wenige Versatzstücke aus dem Leben Lilas dreht, von ihrer Vergangenheit und ihrer Einsamkeit erzählt und all dies mit der Nachdenklichkeit über den Glauben vermischt wird, entfaltet sich das Gefühl eines langsamen Romans, der vor sich hintreibt, gelassen driftet wie die Menschen, zu denen Lila gehört.

Marilynne Robinson, die einmal meinte, es gebe schon genügend Romane über Schwertkampf und Walfang, entwirft hier einen Roman, der es riskiert, seine Kunst auf eine Art zu imaginieren, die sich von den üblichen Konfliktklischees des Erzählens fern hält. Stattdessen entwickelt der gemächlich fortgehende Erzählfluss ein langsam wachsendes Leben, ohne dabei einen hakenschlagenden Plot vorandreschen zu müssen. Was Lila wagt, ist die Erzählung einer Erfahrung von Langeweile – es gelingt auf wundervolle Weise und ohne dabei selbst zu langweilen. Man darf als Leser daran teilhaben, wie sich Lila durchschlägt, zunächst mit Doll, dann allein und mit Doll als eine leise, gutmütig erinnerte und verinnerlichte Stimme, ein gespenstisches Gewissen, das Lila mit sich herumträgt; man darf Lila folgen, wenn sie, allein lebend in St Louis, ihr bei einem Job in einem Hotel verdientes Geld mit größer Freude fürs Kino ausgibt; man ist dabei, wenn sie schließlich in des Reverends Garten arbeitet und wenn sie die Bäume und die Landschaft, den Duft des Regens und des Winters erfährt, wenn sie das grelle Sonnenlicht und die Reinheit des Schnees betrachtet; man lernt mit Lila durch ein Leben zu warten und gibt unwillkürlich den Kitzel nach Handlung auf. Man ist zufrieden, mit diesen Figuren anwesend zu sein, „einfach da“ zu sein, das köstlich langweilige Gefühl der sich wiederholten Alltäglichkeit zu erfahren, in schlimmen Zeiten: „Tag für Tag schlimmer, weil jeder Tag gleich war.“ Und zu Zeiten, wenn es das größte Glück ist, sich auf rituelle Weise dem ganz Einfachen zuzuwenden und die Erfahrung von vergehender Zeit in ihrem Vergehen zu empfinden:

Trotzdem, es gab vorerst Zeit, aufzuwachen, sobald das Kind unruhig wurde, an einem beliebigen neuen Morgen Rühreier machen und Toast mit Butter bestreichen, während der alte Mann seinen täppischen Hosenmatz auf dem Schoß im Arm hielt und ihm die Comicstrips vorlas.

Die Erzählerin lässt diese Momente unkommentiert und impliziert durch das Erzählen der für gewöhnlich als unwichtig betrachteten Phänomene die unterliegende Zufriedenheit und Gelassenheit dieser Figuren, die das große Glück haben, nicht von Schwertkampf und Walfang erzählen zu müssen, sondern vom Geräusch des Regens auf Blättern oder vom Geruch eines Flusses im Morgengrauen.

Die Position der Erzählerin muss eine ebenso ruhige, gelassene, zufriedene sein, obwohl Genaueres über sie verdeckt bleibt. Doch in ihrem gütigen Blick auf Lilas Leben und ihre Erinnerungen ruht eine späte, weise Sensibilität, die es auch Lila ermöglicht, über das Vergangene zu schwelgen und in die schmerzende Erinnerung zurückzuschauen ohne Scham für den Menschen, der sie war, als betrachte sie diese verschwundene, frühere Lila wie ein Kind, dem sie am liebsten quer durch die Zeit etwas über Milde und Beharrlichkeit zuflüstern würde:

Hätte sie auch nur geahnt, was für ein Trost noch kommen würde, wäre sie mit sich weniger hart gewesen. Du sagst dir, Ich bin bloß ein Körper, der denkt und spricht und scheints leben will, bloß noch den einen Tag. Du brauchst nicht zu wissen, warum.

Es ist eine calvinistische Idee, im Warten und in der rituellen Wiederholung des scheinbar Spärlichen eine spirituelle Erhöhung erfahren zu können. Dass der Roman dies ohne großes Gezeige und Gezeter vermittelt und erlebbar macht, ist beachtlich und macht daraus ein ganz und gar außergewöhnliches Buch.

Für lange Zeit war die amerikanische Literatur das Feld junger, umtriebiger Männer – Whitman, Fitzgerald, Hemingway –, ihre Ästhetik und manchmal gar ihr Oeuvre waren schon ausgekocht und abgehangen, bevor sie die Vierzig erreicht hatten. Die amerikanische Gegenwartsliteratur erzählt derzeit eine ganz andere Geschichte, nämlich wie ein Werk über vierzig und fünfzig und sechzig Jahre langsam wachsen kann, sich ein Stil verformen, verdichten oder verschlanken kann, und wie hinter den reinen Inhalten von Romanen Parallelgeschichten auch an den Biographien der Autoren erzählt werden könnten, Geschichten des Ausharrens; dass nicht das ästhetische Feuer in jungen Jahren schon verlodert werden muss, wie Kerouacs „wunderbare gelbe römische Kerzen“; dass die heutigen, amerikanischen Sensibilitäten in der Literatur andere Register und Formen wählen können; dass das Amerikanische auch das langsam Treibende, das durch die weite Ruhe dieses großen, vielschichtigen Landes Schwelgende sein kann. Wer würde verzichten wollen auf die Geschichten mit späten Blick um Richard Fords Frank Bascombe, John Updikes Harry Angstrom, Philip Roths Nathan Zuckerman, die noch einmal ganz andere Formen annehmenden späten Romane von Toni Morrison oder eben jenes Driften und Denken durch Gilead? Andererseits, wer wäre so idiotisch und würde Faulkner und Fitzgerald und Guthrie und Kerouac heute dazu raten, nicht nach genau ihrer Art zu brennen, brennen, brennen?

 JAN WILM

Marilynne Robinson, Lila, aus dem Amerikanischen von Uda Strätling, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2015, 288 S., gebunden, 21,99 €. Bestellen.