Aug 2015 | Saul Bellow

Saul Bellow, Die Abenteuer des Augie March.

Falls mal jemand fragt, ob es einen Roman gibt, der aus der amerikanischen Seele geboren ist – dessen erster Satz beginnt mit „Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago“ – und der versteht, wie europäisch diese Seele gewachsen ist, die sich an seinem Protagonisten zeigt, einem Einwanderersohn jüdischer Herkunft im Chicago der Großen Depression, dessen Schnabel gewachsen ist aus einer Melange von jiddischem und amerikanischem Slang und dabei alles zitiert und parodiert von Plato bis Dante bis Cicero und allerhand weiterer klassischer Buben – „ein gestärktes Kleid, dessen Saum so schnurgerade war wie eine Linie von Euklid“ – ein gradlinig mit Wucht sich ausdehnender Ausdrucksurknall bei dem einem die Augen und Ohren schlackern, wenn man liest (denn beim Lesen hört man mit den Augen, wie William H. Gass weiß), ein Roman also getragen von einem Protagonisten, der mit einer Reise von der Stadt an den großen Seen im Norden des Landes runter nach Mexiko den amerikanischen Kontinent einmal quer zerschneidet und dabei das Herz des Landes seziert, ein Roman um einen jungen Mann, der schließlich in Mexiko ankommt und dort zusammen mit der wunderbaren Thea Fenchel, einer Millionenerbin mit Hang für Greifvögel, einen Weißkopfseeadler zum Jagen von Echsen in der Wüste abrichtet, der den Adler („die wildeste und stärkste Art“), der meistens auf dem Spülkasten im Badezimmer der Wohnung sitzt und wartet, liebevoll Caligula tauft, auch wenn Thea den Adler enttäuscht nur eine „lahme Krähe“, einen „Feigling“ nennt, weil er nicht zum Jagen gemacht ist, so wie der Protagonist dieses Monumentalromans nicht zum Hetzen gemacht zu sein scheint und sich lieber treiben lässt auf seine eigene Weise, ein richtiger dangling man eben, ein Mann in der Schwebe, der zwischen Wüste und Tequila versandend, schließlich an einem versengten, mexikanischen Nachmittag dem untergetauchten Leo Trotski begegnet, kurz bevor Trotski umgebracht wird, nur um dann – „zack! brach an jenem furchtbaren Sonntagnachmittag der Krieg aus“ – als Marinesoldat selbst beinahe umgebracht zu werden, angeschossen zu werden von einem feindlichen U-Boot, nur um dann wiederum mit einem Victor Frankenstein-ähnlichen, Sherlock Holmes-zitierenden Wahnsinnigen ein Rettungsboot teilen zu müssen, nur um  dann letzlich von diesem wahnsinnigen Mitüberlebenden auf Tom Ripley-hafte Weise niedergeschlagen und mit seiner eigenen Kleidung gefesselt zu werden, um sich darauf schließlich aber aus den Fesseln zu befreien und, noch einen Poncho aus den alten Lumpen reißend, kurz darauf seinen talentierten Widersacher von einem plötzlichen Fieber zu heilen, ein Charakter also, der bei all seinem Schweben eine der rührigsten und rührendsten Figuren der Literatur Amerikas ist in einem nicht halt machenden, von Wortlisten und Schlangensätzen getragenen, atemlosen Brocken eines Romans, ein Mann, der in diesen mageren Zeiten am Buffet der Rezession von allen möglichen Jobs leben muss („diese Formulierung – ,alle möglichen Jobs‘ – ist gleichsam der Rosettastein meines Lebens“), der dabei hilft, kanadische Einwanderer in die USA zu schmuggeln, der als platonische Begleitung einer alternden Dame verreist und von einem reichen Schwesternpaar – Thea Fenchel ist eine von ihnen – für deren Midnight Cowboy gehalten wird, der in einem Billardklub arbeitet, in einem Hundeklub arbeitet, als Bücherdieb stiehlt und liest, der als persönlicher Hausangesteller des reichen, querschnittsgelähmten, baritönenden Mentors Einhorn arbeitet, den er neben all den anderen Tätigkeiten auch schon mal auf dem Rücken durch die Stadt schleppt, wenn es ein Termin außer Haus erfordert und der schließlich als Gewerkschaftler in allerhand Schwierigkeiten gerät und als eine Art Sendbote Europa durchquert, auch wenn hinter seinem wechselhaften Treiben von Job zu Job und von Vaterfigur zu Vaterfigur – Einhorn ist eine von ihnen – eigentlich nichts anderes steht als ein gemächliches Beharren auf Freiheit und Einfachheit, denn dieser Mann ist ein Mensch, der – gleich dem amerikanischen Wappentier und seinem Freund Caligula – nicht domestizierbar ist, der sich von niemandem den Pfad vortreten lassen will, der sich nach einem einfachen amerikanischen Traum sehnt, nach einem einfachen Ort, den er seinen eigenen nennen kann, wie Thoreaus Walden, und eine Frau, die ihn liebt, ein Mann, der letztlich lieben möchte und dessen Liebesgeschichten herzzerreißend und herzweise sind, dessen Gedanken über dieses Großgefühl so unbeschwert und subtil treffend sind wie jene Effis, Emmas, oder Annas, der dabei übrigens ungeheuer sexy ist, und das wohl bemerkt 1953, sechzehn Jahre vor Alexander Portnoys Fingerübungen, auch wenn er dabei beinahe immer sanfter bleibt – „all die Nebensächlichkeiten, die mit dem wunderbaren weiblichen Körper einhergehen, diesem herrlichen, tiefgründigen Ding“ –, der mit dem Schicksal weiter und weiter driftet und aber immer nur sich selber folgt – „wie Heraklit sagt, ist der Charakter eines Menschen sein Schicksal“ – und dabei allweil hofft, nichts von seinem Charakter einbüßen zu müssen und auf das Schicksal vertrauen zu können, wie der junge Matrose der Pequod, der ebenfalls vom Abenteuer umbrandet werden will, der sich durch die großen Themen der Existenz beißt in einem Epos, das an die Seite der großen Wunderblöcke der Literatur Amerikas gehört, eben neben Melvilles Moby Dick und Fitzgeralds Der große Gatsby, Seite an Seite mit Hemingways In einem andern Land und Faulkners Als ich im Sterben lag, geschrieben von einem couragierten, unbändigen Leviathan der Kultur, der mit offenen Armen und Augen alle Kunst um sich herum aufsog und daraus lachend diesen herrlichen, Dickensianischen Literaturkarneval hervorwirbelte, geschrieben von einem kanadischen Kind russischer Eltern, das vor genau einhundert Jahren geboren und in Chicago aufgewachsen ist und später stolz sagen würde, kein einziges Wort dieses amerikanischen Romans sei in seiner Heimat geschrieben worden, ein Roman also, der selbst in seiner Entstehung das Thema verkörpert, aus dem die amerikanische Seele gewachsen ist, aus der Erfahrung der Einwanderung mit ihrem Gefühl des Alleingelassenseins, mit all der selbstbestimmten Wucht, die mit ihr einhergeht und einhergehen muss, denn dieser Held hat sich „selbst beigebracht, wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell“ – für den Fall, dass also mal jemand nach ihnen fragt, nach diesem Mann und nach dem Roman, in dem er lebt, muss man vorbereitet sein und sich in dieser Menschenkomödie zu Hause wissen, nicht nur weil die Wirklichkeit deprimierender und regnerischer ist als die Literatur, sondern weil man lesen, lesen, lesen muss wie er – „Ich lag in meinem Zimmer und las, ich verschlang Wörter und Seiten, als wäre ich ausgehungert“ – lesen, lesen, lesen wie der hungrige Abenteurer, dessen Lebensseiten man kosten darf, und dann muss man, mit ein bisschen Stolz, dass man am Leben sein durfte, um diesen Roman zu lesen, dann muss man antworten: Die Abenteuer des Augie March von Saul Bellow. Und dann liest man am besten einfach weiter, am besten einfach wieder von vorn, falls mal jemand fragt, ob es einen Roman gibt.

JAN WILM

Saul Bellow, Die Abenteuer des Augie March, aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2015, 864 S., Broschur, 14,99 €. Bestellen.