Acht | Michael Ondaatje

Michael Ondaatje, Buddy Boldens Blues.

Wenn wir über Bücher über Musik sprechen – Thomas Manns Doktor Faustus (1947), James Baldwins Eine andere Welt (Another Country, 1962), Thomas Bernhards Der Untergeher (1983) –, müssen wir über das Wörtchen über nachdenken. Ist das Verhältnis der Literatur zur Musik das Verhältnis einer Verwandtschaft, einer Liebschaft oder einer Feindschaft?

Michael Ondaatjes erster Roman Buddy Boldens Blues (Coming Through Slaughter) aus dem Jahr 1976 handelt von dem Jazztrompeter Buddy Bolden, eine historische Person, von seinem Leben neben der Musik, von seinen Verhältnissen zu Frauen, zu Prostituierten, zu Drogen, zur Einsamkeit, zum Wahnsinn, zu New Orleans – und, naturally, zum Jazz. Der Roman greift in eine Zeit im Leben des Musikers zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein, als der Jazz nur Jazz war und noch nicht zur popular music der Mainstream-Gegenwart geworden war – ein kurzer Moment von anything goes, eine Zeit des rohen Experiments, bevor es bald heißen würde: „Dann wurden allmählich alle berühmt. Jazz war inzwischen Geschichte. Die Buchfritzen machten Aufnahmen und Interviews. Es war ihnen egal, wer redete, Hauptsache, sie redeten.“

Die Zeit des Buddy Bolden war eine Zeit der Musik für die Bühne und für die Straße, eine Zeit der Musik in Spelunken und Straßenparaden, eine Zeit vor der Aufnahme und dem damit beginnenden Ende der Unwiederholbarkeit. Der historische Buddy Bolden hat nicht eine Platte hinterlassen, nicht ein Ton seines unreinen, unordentlichen, unverhohlenen Stils wurde in Schellack oder Vinyl gerissen, die Luft aus seinen Lungen, die durch den Filter seines Instruments sublime Schönheit geformt hat, ist für immer verflüchtigt. Nur geatmet wird sie irgendwo immer noch, vielleicht im Süden von Louisiana, vielleicht ganz woanders. Denn der Planet verliert keine Luft.

So ist es jedoch nur konsequent, dass der fiktionale Buddy Bolden auf eine wichtige Weise stumm bleiben muss, auch wenn er „der lauteste“ Trompeter seiner Zeit gewesen sein soll. Ondaatjes Roman ist einer der wenigen Romane über den Jazz und über die Musik überhaupt, in dem das über nicht zum trügerischen Kurzschluss der Musikbeschreibung führt. Anstatt Boldens Kunst, die jede Faser dieser Figur durchdringt, mimetisch beschreibend einschnüren zu wollen, schafft Ondaatje einen improvisiert wirkenden Freiraum, der zunächst auch etwas schweigend wirkt, und er schafft dabei einen Roman, dessen Inhalt nicht dröhnt und scheppert durch den Jazz, der ihn durchzieht. Indem Ondaatje eine Erzählung schafft, die aus vielen Stimmen zusammengesprochen und zusammengeschrieben scheint, aus dokumentarischem und abgehörtem, anekdotischem und durchlogenem Material, ist der Jazz ganz tief in die Ästhetik des Romans gedrungen. So scheint es, dass die tragische Geschichte des Buddy Bolden, dieses liebenden, leidenschaftlichen, lüsternen Musikers in Form dieses Romans aufgeführt wird, in Fragmenten aus seinem Leben, die ein früherer Bekannter nach Buddys Verschwinden zusammenstückelt, indem er in Buddys Vergangenheit kramt, Bekannte und Freunde und Feinde ausfragt, immer auf der Suche nach Buddy, wie der Newsreel-Reporter in Orson Welles’ Citizen Kane (1941). Und das heißgesuchte „Rosebud“ dieses Romans ist ebenfalls schwer lokalisierbar, denn es ist der Jazz selbst, die alles antreibende und schließlich alles zerstörende Wucht des Lebens von Buddy Bolden, das ein Leben in Bewegung war – wie der Jazz selbst. „Bolden sah man nie beim Nachdenken, das sagten viele. Er dachte nach, indem er in Bewegung war. Immer Worte, Bruchstücke von Liedern, als wäre sein Kopf ein Goldfischglas gewesen.“ So ist auch dieser Roman ein grell leuchtendes, herrlich kochendes Goldfischglas – wie der Jazz selbst.

Vielleicht ist es immer müßig, in Romanform die Musik zu beschreiben, vielleicht aber besonders in einem Roman über den Jazz, denn der lebt nach dem Kredo des Unwiederholbaren; und während man auch niemals zwei Mal den selben Roman lesen kann, so läuft das Aufzeichnen, das der geschriebenen Sprache, jedoch nicht dem aufgespielten Ton eigen ist, eben vielleicht auf allertiefste Weise dem Jazz entgegen. Zumindest dem Jazz Buddy Boldens. „Jeder Ton neu und roh und zufällig.“ Ondaatjes Roman gelingt es, den spirit des Jazz nachzuformen, die zerhackte Melancholie, den fragmentierten Schmerz und das Arrangement eines Gefühls des Neuen und des . . . manche Romane sind mit Worten schwer zu greifen und es wäre besser, wenn man sie singen könnte, über sie improvisieren, riffen könnte, wie es dieser Roman über das Leben Buddy Boldens tut.

Louis Armstrong, von einem Buchfritzen einmal gefragt, was der Jazz eigentlich sei, antwortete bekanntlich: „Wenn Sie das fragen müssen, werden Sie die Antwort nie erfahren.“ Vielleicht ist das Bestreben, Musik mit Worten zu beschreiben nichts als der Konservierungsversuch eines Wesens, das um seine Endlichkeit weiß, der Versuch eines Wesens, das mit Schrecken auf den Horizont seiner Auslöschung schaut und versucht, das Flüchtige noch einen Lidschlag länger bei sich zu behalten – vielleicht ist es aber auch nur der fatale Irrgriff, das, was gerade auf dem Weg ist zu reiner, ephemerer Schönheit zu entkommen, in die Käfige der Sprache zurückzuzerren. Wenn wir über Musik lesen, haben wir die Chance, genau über das nachzudenken.

JAN WILM

Michael Ondaatje, Buddy Boldens Blues. Aus dem Englischen von Adelheid Dormagen. München: Carl Hanser Verlag, 1995: 184 S. € 14,90. Bestellen.