2017 | Deep Cuts

2017 | Deep Cuts.

Am 30. Dezember jeden Jahres kann man Kühe auf den Weiden stehen sehen, die so viele Augen haben, wie das Jahr noch an Tagen zur Verfügung hat. Der Tag eignet sich für Dinge, die zweiseitig sind, für Schwellenmomente, Gespräche mit dem Spiegelbild, Selbstbefragungen an Orten, wo ich und ich sich reimen. Der, den ich Ich nenne, gibt hier nun einige Anstöße in Richtung der guten Bücher, die ich (und Ich) an den letzten beiden Tagen des Jahres am liebsten ein zweites Mal lesen würde, wenn nur das Stundenglas nicht ebenfalls zwei Seiten hätte und schon längst auf der falschen stünde.

 

Ror Wolf, Die Gedichte.

Das schönste Buch des Jahres, nicht nur im Lyrischen, sondern ganz im Allgemeinen. Der Band, der alle bisherigen Gedichte des großen Autors versammelt, ist Ror Wolfs Schule von Athen, eine Bühne, auf der sie (beinahe) alle gemeinsam auftauchen: Hans Waldmann, Herr Dr. Pfeifer, Herr Q, die Rammer und Brecher, die sieben Grabsteine und die vier Herren – und die sogar gleich fünf Mal. Hans Waldmann hat das Wort, das erste und das letzte: „Wie die Welt so ist, so ist sie eben, / und genauso ist es mit dem Leben.“ Bestellen.

 

Franzobel, Das Floß der Medusa.

Einer der erstaunlichsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre – ein Historien-Epos, das den Untergang der Medusa und das Meerestreiben der Überlebenden nachzeichnet; eine Sprach-Lade, die gehoben und verprasst werden will; ein Referenz-Kosmos, in dem man überleben kann, während man mit den ehemaligen Passagieren der Fregatte über die Wogen gleitet. Der köstliche, würzige, derbe, wunderbare und flirrende Franzobel-Slang findet hier seinen bisherigen Höhepunkt. Bestellen.

 

Nina Bußmann, Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen.

Nina Bußmanns Roman mit dem schönen, mysteriösen Titel war für den, den ich Ich nenne, der schönste deutsche Roman von 2017. Bußmann erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die einer in Nicaragua verschollenen Freundin nachreist und stückweise deren Leben nachlebt und bemerkt, wie auch das Verschwinden auf sie abfärbt und wie schwierig es ist, Beziehungen zu formen, wo alles fortwährend wegbricht. In Bußmanns Straßen und Räumen hallen mit gespenstischer Leere die Echos von existentialistischer Literatur und Film nach – ein ganz und gar faszinierendes Buch, das mit zärtlicher und schneidender Genauigkeit beobachtet und lauscht. „In der Natur gibt es keine Katastrophen, nur Phänomene und Prozesse von unterschiedlicher Dauer, Ausdehnung und Intensität.“ Bestellen.

 

Maírtín O Cadhain, Grabgeflüster.

Einer der wichtigsten irischen Romane in irischer Sprache, der erstmals auf Deutsch übersetzt vorliegt. Der Schauplatz ist ein Dorffriedhof im ländlichen Irland, wo die Verstorbenen, alle in ihren Gräbern liegend, tratschen, keifen, streiten. Ein Roman unter der Erde, der vordringt in die Dunkelheit nach dem Tod, wenn noch die Stimmen unter den Grabsteinen vibrieren, bevor sie verhallen. Ein Stimmen-Roman, ein ganz und gar fulminantes Buch. Bestellen.

 

Sinclair Lewis, Das ist bei uns nicht möglich.

Der erstmals 1935 erschienene – und auf Deutsch lange vergriffene – Roman über den America-First-Präsidenten Buzz Windrip, der die Herzen des Landes erstürmt, bis er mit faschistischem Wahn das Land überstürmt, ist nicht nur in zertrumpelten Zeiten wieder aktuell, wenngleich die Parallelen zum toupierten Maulhelden bisweilen frappieren. Der Roman ist ein meisterhaft erzähltes Werk im Oeuvre des ersten US-amerikanischen Nobelpreisträgers für Literatur, eine oft wahnsinnige und oft wahnwitzige Polit-Satire, die mit amerikanisch versiertem Plot-Geschick und den Mitteln des realistischen Romans den dunkelnden Himmel des 20. Jahrhunderts aufruft, wie es in Großbritannien die Dystopiker mit den Mitteln des Modernismus taten. Bestellen.

 

Tristan Marquardt / Jan Wagner (Hg.), Unmögliche Liebe.

Einer der wichtigsten Lyrik-Bände des Jahres ist diese Goldkammer der deutschen Poesie, der an ihre Ursprünge in der Minne zurückführt. Alte und heftig anthologisierte Bekannte aus der frühen Troubadour-Zeit der deutschen Lyrik taumeln und tanzen zusammen mit Neu-Entdeckungen, in oft glänzenden, experimentellen sowie traditionelleren Übertragungen zeitgenössischer Lyrikerinnen und Lyriker. Bestellen.

 

William Saroyan, Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich.

Nikolaus Stingl übersetzt eine Reihe der frühen Storys dieses Literaturgiganten der USA. Der Amerikaner von armenischer Abstammung wandert durch ein Kalifornien, in dem die Menschen auf Pferderennen und Boxkämpfe wetten, dem Wind und dem Wetter Stimmungen ablauschen und lange über Alltägliches in Bars und Barber-Shops plaudern. Die große Kunst des William Saroyan ist es, in Gesprächen über Belangloses in die Herzen seiner Figuren zu gucken, ohne sie vor einem Plot hertreiben zu müssen oder sentimental menscheln zu brauchen. Ein Autor, der in einer Erzählung einen kleinen Jungen lediglich beobachten kann, wie dieser Junge Birnen an einem Baum beobachtet, und dabei eine solch brillante Intensität erzeugt, sollte nicht ungelesen bleiben. Bestellen.

 

Colson Whitehead, Underground Railroad.

Der vielleicht meistdiskutierte US-amerikanische Roman des Jahres 2016 erscheint in einer kongenialen Übersetzung von Nikolaus Stingl. Whitehead erzählt die Geschichte der jungen Sklavin Cora, die im 19. Jahrhundert von einer Plantage im US-Bundestaat Alabama flieht – mit Hilfe der Undeground Railroad, einem realen, informellen Routensystem, das Sklavinnen und Sklaven in die Freiheit führte. Erzählt wie ein realistischer Roman, wendet Whitehead die metaphorische Untergrund-Eisenbahn ins Wörtliche und macht aus ihr eine aus Stahl und Eisen gebaute Reisebahn, die Cora durch ein Tunnelsystem unter den verschiedenen Bundestaaten in verschiedene Welten führt, pendelnd zwischen Schrecken und Hoffnung, Gefangenschaft und Freiheit. Bestellen.

 

Maggie Nelson, Die Argonauten.

Nelsons 2015 erschienenes Genre-Gemisch aus Memoir, feministischer Theorie und fragmentierter Autofiktion wurde übersetzt von dem, den ich Ich nenne. Naturgemäß ist es nicht deshalb ein brillantes Buch – vielleicht ist es deshalb sogar ein weniger brillantes –, doch es ist ein brillantes Buch, weil die Autorin es versteht, komplexe theoretische Sachverhalte und zerklüftetes, vermintes Kulturkampfterrain zu erschließen und einer Kritik zu unterziehen. Nelson erzählt von der genderfluiden Beziehung zu Harry und der Geburt ihres Sohnes Iggy. In der parallelen Beschreibung einer Liebe zu einem Partner und der Liebe zu einem Kind findet sie dabei eine eigene Sprache der Liebe: „Es ist so dunkel an diesem Unterort, dunkel und schweißnass. Sein dünnes Haar ist feucht, es duftet nach Süßigkeiten und Erde, ich schmiege meinen Mund in sein Haar und atme ein.“ Bestellen.

 

Matthew Sweeney, Hund und Mond.

Matthew Sweeneys surrealistische Lyrik ist hier zusammengeschachtelt mit der schönen und klaren Sprache von Jan Wagner, der die Gedichte übertrug. Der Band führt ein in den in Deutschland noch zu unbekannten irischen Lyriker und führt in eine mystische und magische Welt, wo Papageien vierzig Sprachen sprechen und sprechende Pferde auf einer irischen Insel vor den seltsamen Menschenwesen warnen: „Trauen darf man keinem von ihnen. / Zwei Beine? Stell dir das doch bitte mal vor.“ Bestellen.

 

David Constantine, Wie es ist und war.

David Constantines Kurzerzählungen sind allesamt Meisterstücke, fein gearbeitet in der klaren Sprache dieses großen Lyrikers, Romanciers und Übersetzers. Dass sie in Deutschland noch gänzlich unbekannt waren, ist ein Schrecken, der mit diesen großartigen Übertragungen von Dirk van Gunsteren nun allerdings beendet ist. Constantine gibt Impressionen, kurze Schnitzer von Leben, die sich auf der Lesezunge in alle Facetten eines endlos scheinenden Lebens- und Erfahrungs-Bouquets ausbreiten. Diese Erzählungen sind Sterne, die wir nicht verglühen sehen werden, sie werden bleiben – wie sie sind und waren. Bestellen.

 

J. M. Coetzee, The Schooldays of Jesus.

Bereits im letzten Jahr 2016 erschien im Original der jüngste Coetzee, der aber im nächsten Jahr 2018 auf Deutsch erscheinen wird. Der Meister durchbricht noch einmal die Grenzen des Roman-Genres und weidet die Gattung aus, zehrt sie ab, führt in eine karge Welt, die Leserinnen und Lesern bereits bekannt ist aus dem Vorgänger The Childhood of Jesus (Die Kindheit Jesu) – und verfremdet die bekannte Welt doch noch einmal mehr. Er führt uns in das Schulleben des kleinen Davíd, der auf einer Tanzakademie auf eurhythmische Spuren gerät – und in einen Wirbel aus Mord und Begierde. Coetzees experimentellster Roman – ein weiteres, kühnes Drehen der Schraube in seinem an Borges erinnernden Spätstil. 2018 bei S. Fischer.